Christian Morgenstern
Notizen

Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des Grüblers die Melancholie.


In einer nicht ganz natürlichen Redeweise liegt eine Gefahr für den Sprecher wie für den Hörer. Das gilt vom persönlichen Verkehr wie von dem mit der Öffentlichkeit. So gibt es, zum Beispiel, Menschen, welche immer ein wenig ironisieren. Sie nennen alles nicht so sehr beim Namen, als bei irgend einem Spitz- oder Übernamen. Damit wirken sie oft kurzweilig, öfter aber demoralisieren sie, ob auch nur um einen Schatten, sich wie den andern.


Für den Trägen gibt es nichts Aufreizenderes, als die unaufhörlich fortschreitende Zeit. Er fühlt, wie sie über ihn hinweggeht, und stammelt ihr in dumpfem Ingrimm seine Verwünschungen nach.


Mancher wird die ihm so bequeme Joppe des Materialismus mit nichts vertauschen wollen; es geht ihm, wie er sagt, der Sinn für — Feierlichkeit ab.


Es ist bekannt, wie viele verlorene Nadeln sich täglich auf Weg und Steg finden lassen. Im äußersten Gegensatz hierzu würden, gesetzt, auch geistige Dinge könnten in solcher Weise verloren gehen, täglich wohl kaum Ein Paar Scheuklappen gefunden werden.


„Hat die Religion eine Zukunft?“ So gut, wie derjenige, der so fragt, eine Zukunft hat, in der er, wie zu hoffen steht, solchen Fragestellungen entwachsen sein wird.


Das ist das Furchtbarste am großen Menschen, daß sein Anblick den, der ihn langsam zu erkennen beginnt, bis in den Tod hinein beschämt. Eine Erfahrung, von welcher aus, dem Menschen klar werden kann, was ein — Gott für ihn sein kann, wenn er sich wirklich in ihn versenkt.


Der Mensch wird im allgemeinen unterschätzt.


Habe die Gabe der Unbestechlichkeit. So sehr auch Liebe für dich Partei ergreifen mag: dein Sein gilt, nicht dein Schein.

[Die Schaubühne, 9. Jg. (1913), Heft 1 (2.Januar 1913), S. 14. Digitalisat: archive.org]

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