Conrad Haußmann
Die Besserung der internationalen Lage

Neujahr 1913 findet eine entschieden gebesserte Lage in der inneren Gewähr einer gewissen Dauerhaftigkeit. Man darf zum erstenmal seit langen Jahren der europäischen Diplomatie einschließlich derjenigen des eigenen Landes dankbar sein, und wird in dieser angenehmen Weihnachtstimmung auf die Sünden der Vergangenheit keinen bitteren Nachdruck legen.

Die Balkankrise hat keine europäische Krisis zum Ausdruck gebracht. Sie hat im Gegenteil durch ihren scharfen Appell an die europäische Solidarität Wirkungen ausgelöst, die dieser dienen.

Der Balkankrieg ist lokalisiert und gedämpft. Die Türkei wird beschnitten, aber nicht geteilt. Die Balkanstaaten erhalten Gebietserweiterungen, wobei über die Grenze vor oder hinter Adrianopel und Saloniki noch hitzige Vergleichsverhandlungen mit der Androhung erneuter Prozeß- und Kriegsführung stattfinden werden. Albanien wird „selbständig“ unter einer kollektiven Vormundschaft. Serbien erhält über albanisch bleibendes Gebiet eine handelsrechtliche Wegegerechtigkeit zu einem Meer- und einem nicht in seinen Besitz übergehenden Adriahafen. Wie weit der Balkanbund die Kohärenz eines Staatenbundes besitzen und eine Miniaturgroßmacht werden kann, bleibt abzuwarten. Eine Erschließung der Balkanländer für das Wirtschaftsleben ist möglich und nicht unwahrscheinlich. Wenn Österreich keine psychologischen Fehler zu machen fortfährt, kann das Österreich und auch Deutschland wirtschaftlich nützlich werden.

Aber noch wichtiger ist die Rückstrahlung auf die europäischen Mächte, an denen der 50tägige Krieg ein wahrer Probierstein geworden ist. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich war durch die unglücklichen Marokkoverstimmungen scharf belastet und gereizt, ebenso aber auch das Verhältnis zwischen Deutschland und England. Die Chauvinisten aller drei Länder hatten Oberwasser und die gegenseitige Stimmung noch weiter verdorben. Heute vor einem Jahr sah es sehr grau aus, und die Dinge schienen sich im Laufe des Jahres 1912 noch zuzuspitzen. Militärische Neurüstungen in allen drei Ländern erhöhten den Schutz und die Gefahr, wegen der je von dem Gegner herausgelesenen Drohungen. [….]

Ja es ging ziemlich toll her. Daß es trotzdem nicht losgegangen ist, das ist das große und beruhigende Ereignis des Jahres 1912, das ist der Beweis für die Kraft der heimlich waltenden Vernunft. Darin liegt aber zugleich eine europäische Gesinnungserprobung ersten Rangs: wenn ein Staat wirklich losschlagen wollte — in diesem Jahr hätte er Grund und Vorwand gehabt! — Der Rückschluß ist zwingend, da keiner losgeschlagen hat, arbeitet keiner auf einen Krieg los und alle Völker atmen auf. Die impulsiven Franzosen sind erstaunt, das Deutschland also doch friedliebend ist, die Engländer befreien sich auch von einem Fetzen Vorurteil und auch in Deutschland gibt es Leute, die ganz verblüfft sind, daß die Franzosen und Engländer, die den Russen als Bundesgenossen haben, in der Zeit, da Italien halb lahm gelegt war, den Augenblick zu dem Krieg nicht benützt haben, den romanschreibende Offiziere der Marine und des Heers nebst andern Leuten als sicher und unvermeidlich vorausgesagt haben. Sie sind jetzt betreten und flüstern: „Krupp sagt, es werde im Oktober 1914 losbrechen.“

Es kommt immer anders. [….]

Die deutsche Bevölkerung aber und der deutsche Kaiser haben beide während kritischer Monate eine zurückhaltende Ruhe bewiesen, die es der Reichsregierung und dem auswärtigen Minister wesentlich erleichtert, ihre Politik erfolgreich durchzusetzen, die Linke des Reichstags konnte durch den Mund Payers dieser Politik „zur Zeit Vertrauen aussprechen.“

[März, 7. Jg. (1913), Heft 1 (4. Januar 1913), S. 1-4]

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