Conrad Haußmann
Rüstungsfieber

Es ist mir zweifelhaft, ob man Staatskunst oder auch nur das Politik heißen kann, was im Jahr 1913 in Europa getrieben wird.

Die Großmächte, die sich vor sechs Monaten für den status quo auf dem Balkan solidarisch eingesetzt haben, besaßen nicht die Autorität, nicht die Kraft oder nicht den Willen, den Frieden rechtzeitig, an Neujahr zu diktieren und erklärten sich für den — status quo des Balkankriegs. Es war das Programm der Großmächte, den Krieg um Tripolis „versumpfen“ zu lassen. Auf dem Balkan diese Taktik zu wiederholen, ist doppelt falsch. Sie entkräftet beide Teile und sie verbreitet den Schatten der Kraftlosigkeit über die Politik der Großmächte. Hinter der Maske erkennt man Unsicherheit und Planlosigkeit. Wie von einem horror vacui ergriffen, faßt der Kreis der Großmächte erst still und dann laut einen Plan. Welchen? Den alten schönen, wohlbekannten: selbst a tempo weiterzurüsten, hüben und drüben, an der Rewa und am Tiber, an der blauen Donau, an der blauweißroten Seine und an der dunklen Spree.

Ob die hohen Regierungen sich wohl klar bewußt sind, daß diese Hast eine Bankrotterklärung ihrer Diplomatie ist? Das jetzt erreichte Ziel kann man auch ohne Botschafterkonferenz und ohne auswärtige Minister erreichen!

Jedes Volk sagt, daß die Übertrumpfung der unsinnigen bisherigen Rüstungen ein Wahnsinn sei und jedes Volk läßt, abgestumpft und fatalistisch diese plötzliche Entwickelung wie ein unabwendbares Verhängnis heranziehen. Es ist, wie wenn die gesunden Widerstände durch die Gewöhnung an ungesunde Zustände gelähmt seien.

Dabei hat man den schmerzlichen Eindruck, daß die auswärtigen Minister sich gar nicht vergegenwärtigen, wie der Zeitpunkt der Proklamierung ihrer Rüstungspläne ihre „Friedensaktion“ auf dem Balkan lähmt und verschleppt. Millionenwerte werden ruiniert, nicht bloß auf dem Balkan, in der Türkei und in Griechenland, nein, vor allem auch in Europa selbst. Die Volkswirtschaft erträgt den Druck, wie er zuerst von Marokko, dann von Tripolis nun vom Balkan und jetzt von Europa ausgeht, nicht mehr allzulange. Wie viel ist in Österreich-Ungarn verloren gegangen und wie wartet der deutsche Mittelstand und das deutsche Baugewerbe auf das Ende des hohen Geldstands, der gerade die Kleinen und Schwachen, zuerst umwirft, aber auch anderen schwer zusetzt. Die Kursstürze der Börse sind die Ursache und der Ausdruck schwerer wirtschaftlicher Sorgen.

Das führt zu der Frage, ob die Aufmachung der deutschen Rüstungsaktion richtig oder ein politischer und wirtschaftlicher Fehler war?

Wenn man die Stimmung, die durch fortgesetzte Wetterwolken in den Gemütern sich ansammelt, ausnützen will, dann war die Taktik richtig. Als selbständige Neubelastung der europäischen Lage war dieser plötzliche und außerordentliche Vorstoß kein weise abgewogener Akt, ganz abgesehen davon, daß dieser Vorantritt den Gegnern wieder ermöglicht, Deutschland als das Karnikel auszurufen, und ihnen Vorwand und Grund zu militärischen Gegenaktionen gibt. Aktion und Gegenaktion verfilzen sich zu einer neuen Depression, bevor die alte am Goldenen Horn ihr Ende erreicht hat.

Der Friede, den man voraussichtlich gegen Ostern auf dem Balkan abschließen wird und seine nächsten Wirkungen, auch die auf die Gruppierung konnte und mußte abgewartet werden. Man muß doch leiten und darf nicht bloß drauflos fuhrwerken. Das Maß der Rüstungen ist zu einem wesentlichen Teil durch politische Gründe bedingt und diese werden durch überstürztes Handeln nicht klarer, sondern verworrener. Wenn man bei ehrlicher Würdigung und Abwägung eine erhöhte Zukunftsgefahr, trotz der Dreibundserneuerung — mit der die letzte Militärvorlage nicht gerechnet hat — und trotz Erschöpfung der Balkanstaaten, erkennen müßte, dann konnte der Plan stufenweiser Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht, ohne Lärm und ohne Zeichen einer übertriebenen Unsicherheit festgestellt und eingeleitet werden. Dies konnte geschehen, weil für eine besonnene Betrachtung eine momentane Gefahr nicht besteht und jedenfalls durch eine Gesetzesvorlage nicht momentan, sondern erst für die Zukunft abgewendet oder vermindert werden kann.

Eine solche Taktik hätte dem Auswärtigen Amt erlaubt, auswärtige Politik zu machen und hätte die ungesunde Zwangslage beseitigt, die jetzt für das Parlament durch die Gegenzüge der Gegner geschaffen ist. Frankreich antwortet zum voraus und läßt, ehe die deutschen Erwägungen abgeschlossen sind, für die Verlängerung der Dienstzeit scharf machen und eine halbe Million bewilligen, als Interpreten seiner Gefühle als Botschafter des Herrn Delcassé nach Petersburg marschieren, den die ganze Welt als den Politiker kennt, der vor acht Jahren vom auswärtigen Ministerium abgerufen worden ist, weil er es auf einen Krieg hatte ankommen lassen wollen, und den die hitzigsten Slawen als Mitverschworenen ansehen. So explodiert das Gefühl in Paris, über die Mehrlasten, die man sich dort wegen der Rüstungssteigerung glaubt aufladen zu sollen. Diese Haltung Frankreichs wirkt in Deutschland wieder als nachträglicher Beweis und die erste Versicherung des neuen deutschen Staatssekretärs v. Jagow, daß Deutschland „mit allen Staaten in guten Beziehungen stehe“, wirkt wie eine Satire. Die Chauvinisten Deutschlands freuen sich, daß die französischen Chauvinisten die Widerstände gegen eine überstürzte und übertriebene Behandlung schwächen helfen und umgekehrt.

Das Jubiläum des kaiserlichen Friedensregiments wird durch einen Rüstungsfieberanfall gefeiert. Die Jahreszahl 13 wirkt noch nach hundert Jahren suggestiv und aufregend, wie eine subkutane Einspritzung. Man nimmt aus den finanziellen Vermögensreserven der Nation und legt sie zu dem Übrigen. Man rühmt den eigenen Landsleuten den imponierenden Eindruck dieser „imponierenden Leistung“, geradeso wie die anderen Völker ihren Kraftleistungen einen imponierenden Eindruck nachrühmen. Welchen Eindruck macht uns ihre Überstürzung und ihnen die unsrige? Der Lichtblick der gegenseitigen Akzeptierung einer Flottenstärke Englands und Deutschlands im Verhältnis von 16 zu 10 wird verdunkelt und entwertet durch die in ihren diplomatischen Nebenwirkungen nicht vorausbestimmbare Mißtrauensbetätigung.

Auch der an sich sympathische Gedanke einer Schonung der Unvermöglichen und Beiziehung des Landesfürsten zu den kolossalen Mehrausgaben kann die Summe des Übels nicht wesentlich mildern.

Ist das Verhängnis unabwendbar und in einer der parlamentarischen Entschließung präjudizierenden Weise bereits eingetreten, so ist es doppelt nötig, die Dinge beim rechten Namen zu nennen.

[März, 7. Jg. (1913), Heft 10 (8. März 1913), S. 343-345]

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