Erich Mühsam
Das Opfer der Reichen

Unsere staatssozialistischen Weltbeglücker, denen die reichsfiskalische Besteuerung des Witwen- und Waisenerbes fast schon die Erfüllung aller zukunftsstaatlichen Phantasieen wäre, haben immer geschrieen, das Kapital möge seinen Militarismus selbst bezahlen. Jetzt sollen sie ihren Willen kriegen. Die vielgerühmte Friedenspolitik der Mächte, die sich in immer irrsinniger anmutendem Wettrüsten austobt, hat jetzt die Kriegsgefahr bis zu einem Grade gesteigert, der den Herren Diplomaten aller Länder noch die letzten Aufwendungen der Volkskraft zur Befestigung der Waffenmacht geboten erscheinen läßt. In Deutschland allein soll für die unverzüglichen Erfordernisse der Kriegsbereitschaft die Kleinigkeit von einer Milliarde auf ein Brett dem Nationalvermögen entzogen werden. Wo hernehmen? Sämtliche Bedarfsmittel des Volkes sind schon in einer Weise mit Steuern überlastet, daß Teuerung und Not kaum mehr erträglich ist, und daß selbst bayerisch-klerikale Zeitungsmenschen das Wort „Steuerfolter“ nicht mehr unterdrücken können. Aber die Verantwortung, für die Ehre der Nation das Elend noch weiter zu steigern, könnten unsere praktischen Volkswirtschaftler schlimmstenfalls auch noch tragen, wenn nicht die entsetzliche Aussicht drohte, die Vier-Millionen-Partei der Sozialdemokraten möchte neues Agitationsmaterial erhalten, und aus den 110 Abgeordneten könnten 130 werden.

Da ist nun ein genialer Schildbürger auf den Gedanken verfallen, den Sozis die beste Kugel aus dem Lauf zu ziehen und ihre beliebtesten Argumente für die Besteuerung der Reichen in Regierungsregie zu übernehmen. Jedem Vermögen über 50.000 Mark sollen einhalb bis zwei Drittel Prozent abgezwackt werden, — das ist das Ei des Columbus. Dumm ist der Gedanke gar nicht, denn seine Spekulation kann richtig sein: Daß nämlich die Sozialdemokraten aus prinzipiellen Gründen nicht opponieren, und daß die „staatserhaltenden Parteien“ mit sauer-süßer Opferfreudigkeit, und weil die Ablehnung doch zu sehr nach egoistischer Geldbeutelpolitik aussähe, ja sagen müssen. Die Beschaffung der 200 Millionen Mark jährlicher Mehrkosten, die aus der Neugründung von Festungen und Armeekorps erwachsen werden, ist, wenn die Milliarde erst unter Fach liegt, cura posterior.

Auf die Gefahr hin, für einen besonders innigen Freund des Großkapitals gehalten zu werden, möchte ich meine Meinung dahin präzisieren, daß ein größerer Blödsinn als diese Schonung des kleinen Mannes zu Lasten des Besitzes noch kaum je ausgeheckt worden ist. Gewiß: Viele von denen, die geschröpft werden sollen, werden hart betroffen. Hat ein arbeitsunfähiger Mann, der hunderttausend Mark besitzt und eine große Familie zu ernähren hat, sein Geld mündelsicher zu dreieinhalb Prozent angelegt, so hat er monatlich knapp 300 Mark zu verzehren. Der Gedanke, das Kapital anzugreifen, wäre für ihn ein Selbstmordmotiv. Der soll plötzlich 500 Mk. auf den Tisch legen, — das ist hart, aber im Hinblick auf den ganzen Wirtschaftsbetrieb unserer Zeit uninteressant. Ganz anders ist die Wirkung zu beurteilen, die die Ausschaltung einer Milliarde des Nationalvermögens aus der Produktion des Landes hervorrufen muß. Zwar bleibt ja das Kapital im Lande, aber sein Ertrag kommt ausschließlich der Erhaltung, Quartierung, Equipierung und Bewaffnung etlicher hunderttausend Menschen zugute, deren Arbeitskraft der Produktion des Landes ohnehin schon entzogen ist. Das bedeutet, daß die Leistungskraft des arbeitenden Kapitals um eine Milliarde vermindert wird, welcher Schaden ausschließlich den Konsumenten zur Last fällt. Denn die Verminderung der Produktion, die die notwendige Folge des Herausziehens von Kapitalien aus allen Betrieben ist, bewirkt die Verteuerung aller Waren, die wiederum gerade denen fühlbar sein wird, die durch die Abwälzung der Steuer auf das leistungsfähige Kapital geschont werden sollen. Die Lebenshaltung des Besitzers einer Million wird dadurch, daß ihm 5000 Mark weggenommen werden, nicht berührt, der Arme aber, der mit jedem Groschen sorgfältig rechnen muß, merkt die Verteuerung dessen, was er zum Leben braucht, sehr empfindlich.

Auch daran scheinen die Erfinder der einmaligen Reichsvermögenssteuer nicht gedacht zu haben, daß die Anforderung an sämtliche Kapitalisten, auf einmal eine größere Summe flüssigen Geldes aufzubringen, den raschen Verkauf zahlloser Papiere zugleich notwendig macht. Dadurch wird ein allgemeiner Kurssturz entstehen, wie wir ihn noch nicht erlebt haben, und wie eine plötzliche Börsenderoute auf die Gesamtökonomie des Landes wirkt, ist ja wohl in den letzten Jahren auch dem naivsten Weltfremdling begreiflich geworden. Die Kosten solcher Katastrophen trägt letzten Endes immer das arbeitende Volk.

Wie man die Katze auch wirft, sie fällt immer wieder auf ihre vier Beine. So oder so: Das Volk muß bluten. Und wofür? Für die Hysterie ihrer Oberen, ihrer Führer, ihrer Vertreter, die köpf- und atemlos den Kessel schüren, bis er eines Tages doch platzt und uns die Friedenspolitik unserer Regierungen einen Krieg auf den Hals hetzt, den auszumalen die grausamste Phantasie nicht verderbt genug sein kann.

[Kain, 2. Jg. (1912/13), Heft 12 (März 1913), S. 188-190. Digitalisat: Anarchistische Bibliothek Wien]

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