Erich Mühsam
Das Weltparlament

Während in allen Häusern die Lichter am Weihnachtsbaume glänzten und die Armen und Reichen das schöne Fest des „Friedens auf Erden“ feierten, setzten sich in London die Vertreter der annoch im Kriegszustande befindlichen und in einem „Waffenstillstand“ nach Atem ringenden Balkanstaaten zusammen, um die Bedingungen festzustellen, unter denen den armen blutenden Völkern endlich Ruhe werden könne. Wer noch ein menchliches Herz im Leibe hat, hofft inbrünstig, daß das ekle Feilschen um Geld und Land endlich aufhören und dem scheußlichen Morden so oder so ein Ziel gesteckt werden möge. Aber noch sind die Advokaten der streitenden Parteien nicht einig, und jeder Tag zeigt von neuem die Gefahr, daß die Herren Diplomaten zu keiner Erledigung ihrer Mission kommen und neue Katakomben an jungen, kräftigen, zeugungsfähigen Menschen der Raubgier der Staaten geopfert werden. Auch die entsetzliche Möglichkeit eines europäischen Krieges ist noch nicht aus der Welt geschafft, und wenn Österreich und Rußland sich im Moment einigermaßen beruhigt zu haben scheinen, so bleibt doch immer noch der Verdacht bestehen, daß ihre Diplomaten nur den Beginn einer für Kriegstrapazen geeigneten Jahreszeit abwarten wollen, um dann doch das Blut der Gesündesten für höchst zweifelhafte Staatsnützlichkeiten zu verspritzen. Daß die letzten Wochen noch nicht zu einem Losmarschieren der mobilisierten österreichischen Armeekorps geführt haben, scheint in einer Anwandlung besserer Einsicht die deutsche Regierung verursacht zu haben, die wohl mit der Verneinung des casus foederis gedroht haben mag.

Scheint. Denn was hinter den verpolsterten Türen der diplomatischen Geheimkanzleien geredet und beschlossen wird, erfahren ja die nicht, über deren Hab und Gut, über deren Leben und Beschließen für ihr eigenes Geld verhandelt wird. Steuern zahlen, Maul halten und widerspruchslos gehorchen — das ist die Funktion der Staatsbürger, und wer diese Stellung urteilsfähiger Menschen unwürdig nennt, gilt als Verräter und verfällt der abgründigen Verachtung aller Patrioten.

Der Leutnantstandpunkt, als ob alle Grenzdörfer nur da wären, um im rechten Augenblick zusammengeschossen zu werden, weil ja doch die Vorübungen zu solchem Tun Lebensberuf der Leutnants ist, ist heute noch unter klugen Menschen diskutabel. Der einzige Einwand, den man heute noch unter gebildeten Personen gegen den Krieg gelten läßt, ist die Angst vor den Börsenkursen. Wer den Frieden predigt, weil der Krieg gemein, sinnlos, unmenschlich, jede Daseinswürde degradierend, verrohend und in jedem Betracht unsittlich ist, ist ein schwärmender Narr oder ein von allem nationalen Stolz verlassener Schweinehund.

Das Odium muß ertragen werden. Es läßt sich ertragen für den, dessen Kulturbewußtsein die Kriegsbegeisterung und Kriegsbereitschaft als eine atavistische Konvention erkannt hat, und der seinem Gefühl, das ihn das Leben der Menschen achten heißt, mehr traut als den Erfordernissen einer Staatsraison, die mit dem Blute hunderttausender junger Menschen gefüttert werden muß.

Eine Diskussion über die Berechtigung des Krieges ist unmöglich. Wir Friedensfreunde wissen, daß der Krieg so entsetzlich ist, daß er nicht mehr sein darf. Wer dieses Wissen nicht in sich hat, wird nie zu seiner Wahrheit bekehrt werden. Daher haben diejenigen recht, die uns schwärmende Narren heißen. Denn wir sind noch die Minderheit, und verrückt ist bekanntlich nur, wer anders ist als die große Masse. Deshalb hätten wir Friedensfreunde unrecht, wollten wir, was uns gewiß oft naheliegt, die Kriegsenthusiasten blutrünstige Narren nennen.

Was wir aber können und wollen, ist, die erkannte Wahrheit mit aller Kraft des Herzens und mit allen Mitteln der Kultur in positives Wirken umsetzen. Jeder gangbare Weg, den Frieden zwischen den Völkern zu erhalten, muß von denen beschritten werden, die im Völkerfrieden die Grundbedingung zu menschenwürdigem Dasein überhaupt erkennen, und der Krieg gegen den Krieg muß mit derselben leidenschaftlichen Entschlossenheit geführt werden, die die Hüter kriegerischer Eigenschaften von ihren Kriegern verlangen.

Die Versuche, dem christlichen Friedensideal zu praktischer Geltung zu verhelfen, sind bisher wenig ergiebig ausgefallen. Den sichersten Nutzen haben bisher wohl die Schriften gestiftet, die den Krieg praktisch oder satirisch, kritisch oder religiös, überredend oder dichterisch ins Licht gerückt haben. Ich bin überzeugt, daß der Skeptizismus, der endlich gegen die Massengewalt als Rechtsmittel platzzugreifen scheint, wesentlich der Propaganda zu danken ist, die Swift und Carlyle, Rousseau, Jean Paul und Tolstoy, und selbst auch Bertha v. Suttner und Paul Scheerbart *) durch ihre kriegsfeindlichen Schriften bewirkt haben. (Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht versäumen, die jüngst erschienene Gedicht-Anthologie „Krieg“, herausgegeben von Franz Diederich, Dresden, zur Lektüre dringend zu empfehlen.)

Natürlich kann aber die Beeinflussung sensibler Gemüter durch das Wort allein nicht genügen, um einer in Jahrtausenden gepflegten Völkerpsychose positiven Abbruch zu tun. Wobei es doch wieder an der Zeit scheint, die nachgerade in Tausenden fühlbare Stimmung gegen den Krieg in Handlung umzusetzen. Und auch darüber kann kein Zweifel sein, daß die zu ergreifenden Maßnahmen anders ausfallen müssen, als die kümmerlichen Kompromisse, mit denen bisher die kriegerischen Parteien selbst die Stimmen der Menschlichkeit zu beruhigen versucht haben.

Das ganze „Völkerrecht“ mit seinen Einschränkungen der Mordmethoden ist eine aufgelegte Farce. Denn das Bestreben der Staaten, das Massenmorden mit möglichst „humanen“ Mitteln auszuführen, zeigt nichts anderes als den Willen, das Kriegführen selbst für alle Ewigkeit die ultimo ratio der Völker bleiben zu lassen. Dem Soldaten aber dürfte es einigermaßen egal sein, ob er von einer Lanze oder Patrone durchlöchert stirbt, oder ob sein sterbender Leib von einem im Körper platzenden Dumdum-Geschoß auseinandergerissen wird. Ebenso klar ist es, daß die von stets schlagbereiten Regierungen beschickten „Friedenskongresse“ im Haag eher neuen Händeln den Weg bereiten als alten den Boden abgraben können.

Die einzige wirklich aussichtsvolle Agitation gegen den Krieg wird bis jetzt von den revolutionären Antimilitaristen betrieben, die in der richtigen Erkenntnis, daß Kriege nicht von Fürsten und Regierungen, sondern vom arbeitenden Volke geführt werden, ihr Wort direkt an die Leidtragenden richten. Die Arbeiter und Bauern jedes Landes sind in der Tat imstande, Kriege zu verhüten, wenn sie im Moment, wo das Unglück droht, ihre Arbeitskraft dem öffentlichen Leben entziehen, den allgemeinen Streik proklamieren und eine wirtschaftliche Krisis heraufbeschwören, die immer noch viel erträglicher ist als die Katastrophen mörderischer Schlachten und völliger Vernichtung des geregelten Austausches unter den Menschen, und die zugleich die Möglichkeit, zum Kriege vorzugehen, technisch unterbindet. Dieses Mittel der Kriegsverhinderung wird auf allen internationalen Sozialistenkongressen immer wieder von Engländern und Franzosen vorgeschlagen. Die ablehnende Haltung der deutschen Sozialdemokraten, die für ihre politische Position neben den andern Parteien fürchten, hat aber vorläufig eine Verständigung unter der internationalen Arbeiterschaft stets verhindert. Und daß das Mittel des gegen einen Krieg gerichteten Generalstreiks nur unter Mitwirkung der werktätigen Bevölkerung aller in Frage kommenden Nationen möglich ist, bedarf keiner näheren Begründung.

So stehen wir mit all unserem Friedenswillen heute noch machtlos und mit geschlossenen Augen und Händen den Überraschungen gegenüber, die unkontrollierte Diplomaten aushecken. Von heute auf morgen können die Auswärtigen Ämter der Mächte untereinander Streit bekommen und ungezählte Menschen, die Wertvolles zu tun haben, werden für Angelegenheiten, die sie nicht im geringsten angehn, vor die Kanonenrohre postiert und selbst zum Hinmorden fremder, friedlicher und ihnen durchaus gleichgültiger Nebenmenschen gezwungen.

Die Erkenntnis dieser Tatsachen eröffnet nun eine neue Möglichkeit, Kriegen vorzubeugen.

Frank Wedekind hat in der Weihnachtsnummer des „Berliner Tageblatts“ von einem Gespräch berichtet, daß im Dezember zwischen ihm und mir stattfand, und das die Begründung eines „Weltparlaments – Vereins“ zur Folge hatte. Dies Gespräch schloß an einen Artikel des „Berliner Tageblatts“ an, in dem der Satz stand: „Die Diplomatie muß ebenso repräsentativ werden wie andere Staatsressorts“.

Worin wir — Wedekind als bedingter Bejaher, ich als unbedingter Verneiner staatlicher Notwendigkeiten — sogleich einig waren, war die Überzeugung, daß momentan die bedenklichste Gefahr der Völker in der Unkontrollierbarkeit derjenigen Personen begründet ist, denen die effektiven Machtmittel der Menschen anvertraut sind. Ob diese Leute von Fürsten ernannt oder von Volksvertretern erwählt sind — auch darin waren wir einig — macht keinen Unterschied. Das Beängstigende liegt vielmehr in der lichtscheuen Heimlichkeit, in der sie miteinander verkehren, und in der Möglichkeit, daß die Laune gernegroßer Händelsucher Leben und Wirtschaft großer, fleißiger Völker zugrunde richten kann.

Jeder einzelne mag sich zu den Einrichtungen der gegenwärtigen Dinge verhalten wie er will: ober die Auflösung aller Staaten in sozialistische Föderationen oder die Vereinigung aller Staaten in eine kontinentale Demokratie wünscht, — diese Einsicht kann alle verbinden, die den Völkerfrieden als unbedingt nötig ansehen, um irgendeine Kultur zu fördern: daß unter allen Kämpfen der gegen die Friedensstörer der dringlichste ist.

Das Weltparlament, zu dem wir aufrufen, bezweckt die dauernde, öffentliche Beaufsichtigung der Diplomatie. Alle Faktoren, die das Verhältnis der Nationen zu einander bestimmen, sind von Natur aus öffentliche Angelegenheiten, und wären auch öffentliche Angelegenheiten, kämen nicht durch die Geheimniskrämerei der zünftigen Vermittler neue Faktoren fortgesetzt hinzu, die wie Zündschnüre in die Pulverfässer vorkommender Divergenzen und Mißverständnisse leiten. Haben wir erst in unserem Weltparlament einen in Permanenz erklärten Friedenskongreß geschaffen, der die verbindenden und trennenden Momente unter den Nationen in voller Öffentlichkeit untersucht und in internationaler Beratung mit dem einzigen ausgesprochenen Ziel, unter allen Umständen den Frieden zwischen den Völkern zu wahren, in strittigen Fällen die Möglichkeiten einer Verständigung abwägt und finden muß , dann ist die höfische oder staatsparlamentarische Diplomatie unschädlich gemacht, ihre Überflüssigkeit wird nach und nach allgemein eingesehen werden, und die akute Kriegsgefahr, die durch ihr Wirken konstant besteht, verschwindet.

Vorerst soll der Weltparlamentsverein seine Aufgabe darin suchen, die Aufgaben der Diplomatie ohne besonderen Auftrag zu erfüllen: nämlich die wirtschaftlichen und völkerpsychologischen Beziehungen der Nationen zueinander feststellen, in ihren Schwankungen öffentlich darlegen und die Grundlinien zur friedlichen Regelung diffiziler Differenzpunkte öffentlich fixieren. Persönliche Zänkereien und Gehässigkeiten, die bisher den Anlaß zu allen Kriegen gaben (es sei nur an den Fall Prohaska erinnert, der von der österreichischen Regierung inszeniert wurde, um eventuell den Vorwand zum Kriege zu haben), gehen die Völker künftig nichts mehr an. Sachliche Streitigkeiten werden öffentlich verhandelt, und es wird sich zeigen, daß sie stets geschlichtet werden können.

Hat die freiwillige internationale Behörde erst einmal gezeigt, daß sie imstande ist, Gutes zu stiften, dann wird man daran denken können, aus dem Weltparlamentsverein ein wirkliches Weltparlament zu machen. Darin soll nicht abgestimmt und majorisiert, sondern beraten werden. Die Publizität dieser Beratungen soll die Völker in den Punkten beruhigen, in denen sie zu beunruhigen bislang Aufgabe und Zweck der geheimen Kabinette ist.

Statuten werden vorläufig nicht festgesetzt werden. Denn wir wollen verhindern, daß unser Verein zu früh auf bestimmte Aktionen verpflichtet wird. Wer Mitglied werden will, der soll mit Ratschlägen kommen. Melden sich genügend Männer und Frauen, dann werden wir daran denken können, bestimmte Anordnungen über die Art unserer Verständigung und über die Beschaffung von Geldmitteln zu treffen. Fürs erste brauchen wir nur Adressen und Vorschläge.

Ein kurzes Wort noch an meine alten Gesinnungsfreunde: Ich weiß, daß der Plan, mit dem ich hier hervortrete, nicht völlig in das revolutionäre Programm paßt, das sonst mein Schaffen bestimmt. Aber ich kann versichern, daß ich noch genau der bin, der ich immer war: genau so radikal, genau so feindlich gegen den Staat und seine Instrumente, genau so erpicht auf revolutionäres Tun für Sozialismus und Anarchie. Was der Weltparlamentverein will, ist nicht Ziel, sondern Weg. Wohin der Weg führt, werden die bestimmen, die seinen Kies feststampfen. Wohin er mich selbst führen wird, weiß ich. — Mag er sich teilen! Mögen die, die anders wollen als ich, später eigne Pfade zu ihrem Ziel finden. Die Erfahrungen der letzten Zeit, die Angst großer Völker vor Krieg, Brand, Mord und allen Unmenschlichkeiten heißt zunächst uns alle vereint marschieren. Wir wollen den Frieden. Das ist die nächste schwere Aufgabe aller, die Menschliches wollen. Wissen wir, daß kein Diplomat und kein Staatsgezänk dem Frieden länger droht, dann haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Dann werden wir uns die Hände reiben und jeder wird im Anstreben dessen, was er für das Beste hält, in guten friedlichen Empfindungen gegen jeden andern sein besonderes Ziel verfolgen.

*) Paul Scheerbart, der naive Phantast und Humorist, der seltsamste und doch einheitlichste unter den lebenden deutschen Dichtern, ist eben fünzig Jahre alt geworden. In seinen Werken nimmt der ganz unpathetische, aber tief erlebte Kampf gegen den Krieg einen breiten Raum ein Ich verweise besonders auf seinen schönen Mondroman „Die große Revolution“. Ich mache die Baronin v. Suttner und Herrn Alfred H. Fried als deutsche Träger des Friedenspreises aus der Nobelstiftung eindringlichst auf diesen Mann aufmerksam, damit sie bei der hilflosen Suche nach einem würdigen Preisempfänger, wie sie sich regelmäßig wiederholt, die Stockholmer Herren einmal auf diesen prächtigen und immer noch notleidenden Poeten hinweisen.

[Kain, 2. Jhg (1912/13), Heft 10 (Januar 1913), S. 145-153. Digitalisat: Anarchistische Bibliothek Wien]

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