Erich Mühsam
Erwachen

Noch hängt der Schlaf wie üppiger Brokat
mit schwerer Feuchtigkeit mir von den Flanken.
Verwirrte Träume fragen scheu um Rat
bei dunkeln wunschentbundenen Gedanken.
Entschwebte Sinne werden langsam wach.
Die matten Wimpern wehren sich und gähnen.
Das Auge steigt ins nüchterne Gemach,
noch unvertraut mit Tagewerk und Tränen.
Doch alle ahnungsschwüle Müdigkeit
formt sich zur Furcht, indem die Lügenhülle
des Schlafs hingleitend sinkt … Schamlos befreit
strahlt hell der Tag in seiner Qualen Fülle.

[Die Schaubühne, 9. Jg. (1913), Heft 4 (23. Januar 1913), S. 110. Digitalisat: archive.org]

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