Erich Mühsam
Herz und Hals

Die Asphaltfläche schimmert feucht.
Wenn Pferdehufe sie beklopfen,
und wenn ein Auto drüberkeucht,
dann spritzen rings die Regentropfen.

Der Kragen, hochgeklappt, vermummt
dicht unterm Schirm die Menschenlarven.
Die Telegraphenleitung summt
im nassen Wind wie Aeolsharfen …

Mich schrecken Sturm und Regen nicht.
Hinaus, wo sich die Bäume biegen!
In meinem Herzen ist es licht:
die Liebe lehrt den Herbst besiegen.

Ich knöpf’ den Mantel auf, ich Narr,
und lauf’ ins Freie, plan- und ziellos.
Die Folge ist ein Halskatarrh.
(Die Wirklichkeit ist poesielos.)

[Simplicissimus, 17. Jg. (1912/13), Heft 50 (10. März 1913), S. 833. Digitalisat: simplicissimus.info]

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