Erich Mühsam
Im Zeichen des Kreuzes

Es wird weiter gemordet. Der infame Raub- und Kreuzzug des vereinigten balkanischen Diebsgesindels hat noch nicht genug Blut geschluckt. Die Großmächte in ihrer uneigennützigen Christenliebe hatten mit sanftem Druck das mißhandelte Türkenvolk zu demütigenden Friedenskompromissen gezwungen. Nachdem die Serben und ihr gefräßiger Anhang in den eroberten Landesteilen grauenvoll gewüstet hatten, nachdem in entsetzlichen Schlachten mit Menschenleben unsinnig geaast war, sollte die gehundsvottete und nach Frieden schmachtende Nation von den wohlwollenden Mächten genötigt werden, auch noch die Plätze zu räumen und den Räubern zu überlassen, die sie mit aller Verzweiflung noch bis zuletzt gegen Kanonen und Anstürme gehalten hatten. Da folgte — mit einer Notwendigkeit wie der Knall dem Schuß — die Revolution in Konstantinopel. Man soll Enver Bey und seine Mitverschworenen nicht schelten, weil sie das Signal zu dem neuen Ausbruch des Krieges gegeben haben. Zu dem, was sie taten, trieb sie gekränkter Stolz und die Furcht, die Früchte der jungtürkischen Revolution von 1909 verderben zu sehen. Die Mächte aber hätten bedenken müssen, was sie taten, als sie ein Volk zwingen wollten zu tun, was es nicht tun konnte. Hätte Europa den Frieden am Balkan durchaus gewollt, es hätte ihn haben können, wenn es die Bulgaren veranlaßt hätte, sich einigermaßen zu bescheiden. — An der Tschataldschalinie und vor Adrianopel wird von neuem gemordet und gebrannt. Frauen- und Kinderleichen zeichnen den Weg der siegreichen Christen. Mit der wieder heraufbeschworenen Gefahr eines europäischen Krieges aber wird im Deutschen Reichstag demnächst die Forderung nach neuen Heeresverstärkungen begründet werden.

[Kain, 2. Jg. (1912/13), Heft 11 (Februar 1913), S. 175. Digitalisat: Anarchistische Bibliothek Wien]

Keine Kommentare möglich.