Erich Mühsam
Peter Krapotkin

Am 9. Dezember ist der Fürst Peter Krapotkin siebzig Jahre alt geworden. Die Teilnahmslosigkeit, mit der die bourgeoise und sozialdemokratische Presse über diesen Tag hinweggegangen ist, wird dem tapferen Mann hundertfach aufgewogen sein durch die stürmische Art, in der alle revolutionären Blätter die Gelegenheit ergriffen, ihm Dank zu sagen und Glück zu wünschen. Wir, die wir gewöhnt sind, Menschen nicht nach ihrer Parteistellung und ebensowenig nach ihrer äußerlichen Gesellschaftszugehörigkeit, sondern nur nach ihrem persönlichen Wert einzuschätzen, verehren in Peter Krapotkin einen Rebellen in des Wortes schönster und reinster Bedeutung. Als Sproß der höchsten russischen Aristokratie wuchs er in der beschränktesten Umgebung auf, zwischen Lüge und Verstellung, nämlich als Hofpage des Zaren Alexander II. in dessen persönlicher Gefolgschaft. Er gehört zu den unendlich wenigen, denen die Seele in solchem Dasein nicht abfaulte, sondern die den Moder spürten und dagegen in ihrem Innern auftrotzten. Bei seinen Studienreisen als Geograph erkannte er mit offenem Blick die grauenvollen Verhältnisse bei den leibeigenen Bauern Rußlands. Als Offizier wurde er als Adjutant einem Gouverneur beigeordnet und lernte bei der Ausarbeitung gewisser Reformen im Gefängniswesen die ganze Unsinnigkeit der Strafen, und mithin der Regierungen und Staaten erkennen. Der persönliche Einblick in das Leben der Duchoborzen machte ihn gleichzeitig mit den Prinzipien des Sozialismus vertraut, und nach seinem Ausscheiden aus der Armee (1867) widmete er sich ganz seinen Studien und dem Ausbau seiner revolutionären Ideen. 1872 lernte er in der Schweiz die junge anarchistische Bewegung Bakuninschen Geistes kennen und bekannte sich seitdem als Anarchist. In der Heimat fand er Fühlung mit den Nihilisten, mit denen er an der revolutionären Aufklärung des Volkes arbeitete und die russische Revolution, deren erste Anfänge nun hinter uns liegen, vorbereiten half. Er entging den Schergen nicht. Aber nach zweijähriger Untersuchungshaft gelang ihm die abenteuerliche Flucht aus der Peter-Pauls-Feste und er entkam nach England und ging von dort wieder in die Schweiz. Dort wies man ihn 1881 aus, und zwei Jahre später wurde er in Frankreich zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er drei absaß. Seitdem lebt er in England, treu seinen Idealen und unendlich fruchtbar in seiner Arbeit. Die Artikel, die er als Redakteur der ersten anarchistisch-kommunistischen Zeitschrift „La Révolte“ (1878—83) veröffentlichte, liegen gedruckt in dem schönen Buch „Worte eines Rebellen“ vor, dem der „Wohlstand für alle“ („la conquéte du pain“) folgte. Sein Hauptwerk ist „Die gegenseitige Hilfe“, worin er seine Erfahrungen als Geograph, Zoologe und Soziologe zur Grundlage der Idee macht, die den Staat und die Gewalt entbehrlich und schädlich und die freie Gesellschaft einzig natürlich und gerecht weiß. In „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“ wird der Nachweis erbracht, daß jedes Land bei vernünftiger Bewirtschaftung allen notwendigen Bedarf seiner Bewohner selbst produzieren kann, und als letztes Werk gab uns Krapotkin eine Geschichte der französischen Revolution, die den Hintergründen der gewaltigen Bewegung mehr als irgend ein früheres nachspürt, und zum ersten Mal denen gerecht wird, die an der Revolution den besten Anteil hatten: den Bauern und dem niederen Stadtvolk, den Sansculottes. —

Das Wundervolle an allen Schriften Krapotkins ist die seltene Mischung von ernstem, wissenschaftlichem Forschen und tiefer menschlicher Ergriffenheit. Was in der Wertschätzung dieser Zeitläufte leider sehr außer Kurs geraten ist, was aber zur Erkenntnis der Dinge ewig das Wichtigste bleiben wird, das besitzt Peter Krapotkin in erstaunlichem Grade: Weisheit und Wahrhaftigkeit.

[Kain, 2. Jg. (1912/13, Heft 10 (Januar 1913), S. 157-158. Digitalisat: Anarchistische Bibliothek Wien]

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