Erich Mühsam
Polizeidiktatur

In diesem Jahre der nationalen Erinnerung, der nationalen Beglücktheit, der nationalen Phrase haben wir tropfenden Auges der Tatsache zu gedenken, daß es nun hundert Jahre her sind, daß die Macht des letzten verantwortungslosen Despoten gebrochen wurde. Was nach Napoleons Sturz noch an fürstlicher Selbstherrlichkeit gesehen wurde, ist kümmerliche Karrikatur. Der neurasthenische Angstbold, der als Herr aller Reußen vor der Bombe zittert, die eines Tages das Blut an seinen Fingern rächen könnte, ist ein trüber Popanz in den Klauen bestochener Volksaussauger. Die Mandschus spüren unter dem Körperteil, mit dem sie früher am Throne Chinas klebten, den Tritt eines erwachten Volks. Und selbst die Großherzöge der beiden Mecklenburg tragen die Bürde ihrer Allmacht nur nolens volens weiter, weil ihre getreuen Vasallen, die Standesherren, ihnen die Einführung einer Verfassung durchaus nicht gestatten wollen. Die Scheitel der übrigen Potentaten aber sind längst mit dem bekannten Tropfen demokratischen Öls gesalbt, der selbst unter der Krone hervorquillt, unter der noch immer der schöne Traum geträumt werden mag, daß regis voluntas suprema lex sei.

Die Selbstbestimmung des Bürgertums, das erhabene Ziel der Revolutionen von 1830 u. 48, ist längst Ereignis, und das Bürgertum nachgerade in solchem Maße an seine Selbstbestimmung gewöhnt, daß es keine Ahnung hat, wieviel tiefer es heute in Abhängigkeit und in Drill steckt als je vor den Ausbrüchen seiner demokratischen Freiheitssehnsucht. Zwar droht dem Einzelnen nicht mehr die launenhafte Willkür eines königlichen Gebieters, der nach Belieben strafen und lohnen kann. Aber die Angst vor der Selbständigkeit hat aus dem Philistergehirn selbst einen Ersatz herauswachsen lassen, durch den die Gefahr eigenmächtiger Lebensbetätigung der Menschen vollständig beseitigt ist. Der zivilisierte Mitteleuropäer des 20. Jahrhunderts hat mit wahrhaft erfinderischem Geist das Mittel ersonnen, das ihm zugleich das stolze Bewußtsein seines demokratischen Selbstbestimmungsrechts erhält und ihn doch zum hörigen Befolger diktatorischer Anweisungen von oben macht: er besoldet einen Beauftragten zu dem Zweck, ihm die Faust in den Nacken zu setzen und ihm alles zu verbieten, was er gern täte.

Unter dem Vorwand, sich eine dienstbare Kreatur zu schaffen, die sein Leben und sein Eigentum gegen sträfliche Rechtsbrecher schützen solle, begab sich der Bürger allmählich in die unbedingte Gewalt der Polizei. Es hat lange gedauert, bis diese Behörde selbst den Umfang ihrer Machtbefugnis begriffen hat. Aber jetzt ist es soweit, daß der Schutzmann Herr ist über alle unsre Entschließungen, daß er neben uns steht und uns in unseren privatesten Daseinsäußerungen bevatert, daß er unsern Willen, unsre Lebenshaltung, unsre Gewohnheiten, unsre Vergnügungen, unsere Geschlechtlichkeit und unsern künstlerischen Geschmack überwacht, und wo es nötig ist, zurechtknetet. Diese Erscheinung erklärt sich aus dem Bedürfnis jedes Philisters nach Tyrannei, das seinerseits wieder auf die immer noch übliche Verschüchterungspädagogik der Kinderstuben und Lehrinstitute zurückzuführen ist. Man erziehe die Kinder zu selbständigen Menschen, man lehre sie, daß sie sich die Prügel der Erwachsenen nicht gefallen lassen sollen (denn die Eltern prügeln ihre Kinder nur, weil sie körperlich stärker sind), dann werden wir als nächste Generation ein Geschlecht erleben, das den Namen Polizei nur noch als historische Kuriosität kennen wird.

Der Einwand, daß es sich ja doch um ein von der Öffentlichkeit überwachtes Institut, sozusagen um eine demokratische Einrichtung handele, verfängt nicht. An der Spitze jeder Polizeiverwaltung steht ein einzelner Mann, ein Polizeipräsident, der auf seinen Posten vom Minister des Innern berufen wird, und nur von ihm abgesetzt werden kann. Der Minister aber ist nur der Krone verantwortlich. Die einem Polizeipräsidenten übergeordneten Stellen aber müßten ihr eigenes Interesse schlecht verstehen, wenn sie sich nicht der Beflissenheit freuten, mit der Hinz und Kunz sich unter die schrankenlose Autorität des Polizeipräsidenten beugen.

Der Typus des modernen Polizeipräsidenten wird gegenwärtig durch zwei Individuen hervorragend repräsentiert: durch Herrn v. Jagow in Berlin und durch Herrn v. d. Heydte in München. Beide auch charakteristisch für die Seelenbeschaffenheit der unter ihren Schutz Befohlenen. Jagow ist — das kann man ohne sein Freund zu sein, getrost zugeben — immerhin eine Persönlichkeit, jemand, der hinter der Amtsmiene eine ziemlich prägnante Physiognomie zeigt. Seine Erlasse haben Schmiß, Stil, Charakter, und die Art, wie er den Berlinern Raison beibringt, imponiert diesem witzigen und schlagfertigen Volk. Wird er einmal pedantisch in seinen Verordnungen — wie bei der neuen Straßenordnung —, dann gröhlt ihn von seinen Schützlingen der fröhlichste Hohn an, und er erlebt, daß kein Mensch sich um seine Autorität kümmert. Dadurch ist Herr v. Jagow einigermaßen vor der Gefahr gefeit, die ein solches Maß von Machtbefugnis immer in sich birgt; einer Art von Caligula-Wahnsinn zu verfallen, einem Überschnappen des Despotenbewußtseins, wie ihm subalterne Naturen am leichtesten ausgesetzt sind.

Der Berliner hat Kritik und übt sie, deshalb kommt ihm auch die tatsächlich fast unbeschränkte Macht seines Polizeipräsidenten weniger ins Bewußtsein, wie den kritischen Naturen anderswo, die von ihrer Kritik keinen Gebrauch machen können, weil sie vereinzelt sind.

Am bösesten sind wir wohl in München dran. Die persönliche Bekanntschaft des Herrn v. d. Heydte ist mir bis jetzt erspart geblieben, und da dieser Herr im Gegensatz zu seinem Berliner Kollegen in seinen öffentlichen Kundgebungen keinerlei individuelle Züge verrät, kann ich über ihn selbst kein Urteil abgeben. Zu seinen Gunsten wäre vielleicht anzuführen, daß er gegen die Bevölkerung bisher Schießerlasse nicht herausgegeben hat. Was seine Manifestierungen auszeichnet, ist dagegen eine schikanöse Kleinlichkeit, ein ewiges Quängeln um Gleichgültigkeiten, eine Fürsorglichkeit in Angelegenheiten, denen selbst mit der Lupe kein öffentliches Interesse angemerkt werden kann. Aber die Münchner sind ein geduldiger Menschenschlag, und es — scheint fast, als ob sie froh sind, grade dem Mann zu gehorchen, dessen Geboten sie nicht den geringsten Sinn entnehmen können. Solange der Münchner Durchschnitts-Banause seine acht Maß Bier ungestört trinken kann (aber richtig eingeschänkt müssen sie sein!), und solange die Kalbshax’n das gewohnte Format behält, ist er mit allem zufrieden, was eine hohe Obrigkeit für gut befindet. Er geht eh’ um elf Uhr schlafen.

Die übrigen aber — etliche Zehntausend sind es immerhin — fügen sich, weil sie zu bequem sind, einmal energisch aufzumucken. Sie schimpfen zwar tagtäglich weidlich über die Art, wie die Münchner Polizei sich in ihr Privatleben einmischt, aber der Gedanke, daß es auch ohne Diktatur des Herrn v. d. Heydte gehn könnte, kommt ihnen nicht auf. Ich halte gewiß nicht viel von einem Personalwechsel in Ämtern, die mir an und für sich gefährlich, schädlich und überflüssig scheinen. Aber es wäre schon ein Segen, wenn endlich einmal eine Bewegung unter die Leute käme, die die Beseitigung des bestimmten Mannes betriebe. Ich gedenke, ungeachtet der Gefahr als ein oppositioneller Communal-Banause angesehen zu werden, weiterhin gegen die Person des Polizeipräsidenten Stimmung zu machen, unter dessen Fuchtel die schönste deutsche Stadt zur Metropole aller Muckerei, Schuhriegelei und Bevormundung geworden ist.

Mein Eifern gegen die Polizeistunde mag den Lesern des „Kain“, die mich um wichtigere Dinge bemüht wissen, pedantisch scheinen. Mir scheint aber gerade diese Schulmeisterei, die jeden Menschen zwingt, zu einer bestimmten Zeit nach Hause zu gehen, besonders geeignet, die Unmündigkeit zu illustrieren, in die sich Menschen, die ihren eigenen Entschlüssen trauen dürfen, pressen lassen. Ein Kreis von Künstlern, die oft bis spät in die Nacht hineingearbeitet haben, sitzt in guter Unterhaltung beisammen. Irgend ein Problem, von dessen Existenz Herr v. d. Heydte vielleicht keine Ahnung hat, wird erörtert, die Geister werden produktiv, neue Einsichten werden ausgesprochen, mancher läßt sich von der Diskussion zu guten künstlerischen Ideen inspirieren, — und plötzlich erscheint ein Schutzmannhelm in der Tür. Man muß aufbrechen, und da in dem riesigen Umkreis der Stadt keine einzige Unterkunft mehr offen ist, sich trennen, sich eilig trennen, da jeder weiß, eine Weigerung würde mit Gewaltsanwendung beantwortet werden. Das sind keine Nebensächlichkeiten, das sind höchst bemerkenswerte Symptome einer grenzenlos unwürdigen Versklavung.

Wie sehr durch die widerspruchslose Hinnahme solcher Eingriffe in die persönlichen Entschließungen das Autoritätsgefühl des Polizeipräsidenten gestärkt wird, hat sich nun eklatant im letzten Fasching gezeigt. Die kurzen Karnevals-Wochen waren von jeher in München eine Erholung und eine Lust. In diesem Jahre griff plötzlich der Polizeipräsident mit Verordnungen ein, die garnichts anders bezwecken können, als die Erdrosselung des Karnevals durch den Schutzmann. Herr v. d. Heydte verbot das Konfetti-Werfen, er verbot die Schiebetänze, er verbot das Tanzen in öffentlichen Lokalen überhaupt. Cui bono?

Man stelle sich vor: bei den lustigsten Festen und Maskeraden waren Leute aufgestellt, die im Auftrage der Polizei zu kontrollieren hatten, ob nicht etwa „geschoben“ werde. Wurden diese ehemaligen Unteroffiziere durch den Tanz einzelner Paare in ihrem verfeinerten Sittlichkeitsgefühl peinlich berührt, dann griffen sie mit ihren Schutzmannsfäusten; ein und rissen die vergnügten Menschen auseinander.

Sonst sind doch die Männer anders, sonst spielen sie sich als Kavaliere auf, sonst schützen sie ihre Frauen und Mädchen gegen jede Beschimpfung. Ist es denn etwas anderes, wenn von Polizei wegen dekretiert wird, daß das Verhalten der Dame, mit der man tanzt, „unzüchtig“ sei? Wenn die Frauen coram publico von Polizeivigilanten der Unsittlichkeit geziehen werden! — Es ist sehr bezeichnend, daß die Veranstalter des Pressefestes — das sind doch wohl die Hüter der öffentlichen Freiheit? — davon „Abstand genommen“ haben, gegen die unerhörte Beschimpfung der Teilnehmerinnen an diesem Feste zu protestieren. Die wenigsten Blätter wagten überhaupt nur einen schwachen Einspruch.

Kam man früher an den Redoutentagen ins Café Luitpold, — was war das für eine famose Stimmung! Alles tanzte, jubelte, küßte durcheinander — hat das jemandem wehgetan? In diesem Jahre wurden die Leute, die harmlos tanzen wollten, am Arm gepackt und auseinandergezerrt. Pfui Teufels! hat man genug gehört dabei, aber am Aschermittwoch war alles wieder vergessen.

Der Polizeipräsident tut, was er mag. Ich bin sogar überzeugt, er tut alles in bester Absicht. Woher soll der Mann wissen, daß alles Tanzen Erotik ist? Beim Schieber hat er es zufällig gemerkt, — da greift er ein. Denn sein Bestreben ist wohl letzten Endes, die Erotik in München überhaupt zu verbieten. Von diesem Bestreben hat er ja in den letzten Jahren in seiner Tätigkeit als Theaterzensor schon hinlängliche Beweise geliefert. Es ist nur immer wieder erstaunlich, wie engelsgeduldig die Münchner Bevölkerung zusieht, wie dieser eine Mann der Stadt den Atem einschnürt, der Jugend das Jungsein, den Fröhlichen das Fröhlichsein verbietet.

Ach nein, es ist nicht erstaunlich. Bei Protesten gegen Muckerei und Zelotik pflegt ja sonst die Geistigkeit voranzugehen. Hinter Herrn v. d. Heydte her aber trabt ein ganzer Troß literarischer Trabanten; sein Zensurbeirat. In einer Stadt, wo es möglich ist, daß moderne Literaten der Polizei gegen ihre eignen Standesgenossen Helfersdienste leisten, darf man sich über garnichts wundern. Die Herren Ruederer, Weigand, v. Gleichen-Rußwurm und (leider! leider!) Thomas Mann haben immer noch nicht die Geste gefunden, zu der ihnen Max Halbe das Beispiel gab: dem Polizeipräsident das „Ehrenamt“ vor die Füße zu schmeißen, das sie in den Augen jedes Menschen, der in dem Recht der Behörde in Kunstwerken herumzufingern eine Affenschande erblickt, zu Polizeibütteln degradiert.

Es ist weit gekommen mit uns. Wir sollten das Gedenkjahr des Sturzes des letzten Despoten nicht gar so laut feiern.

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Dieses Heft war fast fertiggestellt, als Herr v. d. Heydte dem Eingangsartikel noch eine Illustration lieferte, die hier doch noch registriert werden soll. Das einzige auf weltstädtischen Betrieb eingerichtete Tanzlokal Münchens, das architektonisch entzückende Odeonc-Casino, wurde durch die Verordnungen des Polizeipräsidenten derartig in der Ausübung seiner Bestimmung (nämlich, ein Ort der Lustigkeit zu sein), behindert, daß sich manchmal gewisse Übertretungen nicht vermeiden ließen. Darauf setzte der Ordinarius Münchens die Polizeistunde auf 12 Uhr fest und zwang die Besitzer, die Bude zu schließen. Daß Münchens Lebewelt jetzt einmal wirklich empört ist, bedeutet nicht viel. Es wäre längst ihre Pflicht gewesen, empört zu sein über die Kasernenerziehung, die gegen sie beliebt wird. Auch daß die Zeitungen auf den Verdacht kommen, es könne allmählich eine polizeiliche Bevormundung einzureißen drohen, ist nicht sehr wichtig. Denen wird die Weinstraße schon durch Informationen den Mund stopfen.

Aber sechzig Angestellte des Unternehmens wurden durch das Machtwort des Herrn v. d. Heydte brotlos, und die Entwicklung einer Dreiviertelmillionenstadt zur Großstadt wird durch die tugendhaften Launen eines Einzelnen künstlich unterdrückt.

Das hier noch an einem eklatanten aktuellen Beispiel zu beweisen, schien mir so lohnend, daß ich deswegen die Ausgabe des „Kain“ wieder um einige Tage verzögerte. — Wohlmeinende Ochsen wundern sich, daß grade ich immer wieder die Interessen der begüterten Lebeleute wahrnehme.

Treffen sie mich mitunter an Stätten der Lustbarkeit an, so verfehlen sie nie, mich auf meine sittlichen Aufgaben als Anarchisten hinzuweisen. Sie seien endlich einmal dahin belehrt, daß ein Anarchist weder vor sich noch vor anderen Leuten die Pflicht bat, ein Trauerkloß zu sein.

[Kain, 2. Jg. (1912/13), Heft 11 (Februar 1913), S. 161-169. Digitalisat: Anarchistische Bibliothek Wien]

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