Ernst Stadler
[Drei Gedichte]

Auferstehung

Flut, die in Nebeln steigt. Flut, die versinkt.
O Glück: Das grosse Wasser, das mein Leben überschwemmt, sinkt, ertrinkt.
Schon wollen Hügel vor. Schon bricht gesänftigt aus geklärten Strudeln Fels und Land.
Bald wehen Birkenwimpel über windgesträhltem Strand.
O langes Dunkel. Stumme Fahrten zwischen Wolken, Nacht und Meer
Nun wird die Erde neu. Nun gibt der Himmel aller Formen zarten Urmiss wieder her.
Herzlicht von Sonne, das sich noch auf gelben Wellen bäumt —
Bald kommt die Stunde, wo dein Gold in grünen Frühlingsmulden schäumt —
Schon tanzt im Feuerbogen, den der Morgen übern Himmel schlägt,
Die Taube, die im Mund das Ölblatt der Verheissung trägt.

Winteranfang

Die Alleen sind schon entlaubt. Nebel fliessen. Wenn die Sonne einmal durch den Panzer grauer Wolken sticht,
Spiegeln ihr die tausend Pfützen ein gebleichtes runzliges Gesicht.
Alle Geräusche sind schärfer. Den ganzen Tag über hört man in den Fabriken die Maschinen gehn —
So tönt durch die Ebenen der langen Stunden mein Herz und mag nicht stille stehn
Und treibt die Gedanken wie surrende Räder hin und her
Und ist wie eine Mühle mit windgedrehten Flügeln, aber ihre Kammern sind lange leer:
Sie redet irre Worte in den Abend und schlägt das Kreuz. Schon schlafen die Winde ein. Bald wird es schnein,
Dann fällt wie Sternenregen weisser Friede aus den Wolken und wickelt alles ein.

Sommer

Mein Herz steht bis zum Hals in gelbem Erntelicht wie unter Sommerhimmeln schnittbereites Land.
Bald läutet durch die Ebenen Sichelsang: mein Blut lauscht tief mit Glück gesättigt in den Mittagsbrand.
Kornkammern meines Lebens, lang verödet, alle eure Tore sollen nun wie Schleusenflügel offen stehn.
Über euern Grund wird wie Meer die goldne Flut der Garben gehn.

[Die Aktion, 3. Jg. (1913), Heft 10 (5. März 1913), Sp. 302-303, 304; 3. Jg. (1913), Heft 11 (12. März 1913), Sp. 331]

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