Franz Blei
Aus dem Tagebuch

Unlängst sah ich in einem Variété eine Sängerin ein Couplet mimen; es handelte von ihrem Liebhaber, den sie erwartete, und was sie mit ihm machen würde. Man war vollkommen im Bilde. Ich bin überzeugt, drei Viertel der Zuschauer machen es im Leben genau so wie die Dame da oben, oder werden es so machen oder würden es so machen, wenn der Liebesfall einträte. Nicht weil die Dame genau das Leben mimte, die Natürlichkeit, — mir kam alles sehr unnatürlich vor und albern. Und doch war es das Leben. Die mehreren Menschen beziehen nämlich ihre Leidenschaften oder mindestens den Ausdruck dafür, Mimik und Vokabeln, aus diesen sonderbaren auf allerlei Bühnen vorgemachten Zwittergebilden, halb Cliché, halb Wirklichkeit, und diese Gebilde fallen in das Leben der Meisten und werden da wirklich. Die meisten Menschen leben Pastichen. Nicht nur in der Politik, sogar in der Liebe.

Es war sehr schamlos, was die Dame da oben machte. O, nicht so, dass Mütter nicht ihre Töchter … o nein, in dem Sinne war es ganz so korrekt wie es nur immer eine um das Wohl der Bürger besorgte Polizei verlangt. Und doch war das schamlos. Es entblößte die Seele von gut drei Vierteln der Anwesenden, die gar nichts dagegen hatten, dass man ihre Intimität vorführte. Im Gegenteil: sie waren sehr einverstanden damit und passten gut auf, dass ihnen kein Detail entginge, das ihnen ja gehört, aber in der Übung noch nicht vertraut war.

An diesen Variétéeindruck musste ich denken, als ich eben ein Buch aufschlug, in dessen Vorwort der Verfasser sich entschuldigt, eine Liebesgeschichte geschrieben zu haben, was eine bedauernswerte Beschäftigung sei. Muss man dem Manne nicht Recht geben? Man wird es sicher einmal. Ich glaube, es wächst eine Generation heran, welcher die durch die erotische Pürsche etwas verfallene Intelligenz verdächtig und verächtlich vorkommt. Die ehemals so beliebten Trinklieder wurden von Untersuchungen über die Trunksucht und die Säuferleber abgelöst. Die Liebesromane werden dasselbe Schicksal durch die Analysen der Freudschüler erfahren. Denen ja jetzt schon jede Liebesgeschichte nichts sonst ist als ein pathologisches Paradigma. Ich kann mir ganz gut eine Zeit und keineswegs ferne Zeit denken, die den Liebesbeziehungen der Geschlechter ein ebenso geringes Interesse entgegenbringt wie der Verdauung oder den sonstigen Körperfunktionen, über die kein schöngeistiges Gerede ist. Eine Zeit, in der man es taktlos finden wird, wenn einer von der Liebe spricht. Und geistlos, wenn einer über Liebe einen Roman schreibt. Das Thema wird in die medizinische Literatur fallen.

[Veröffentlicht unter dem Pseudonym Nikodemus Schuster in: Die Aktion, 3. Jg. (1913), Heft 12 (19. März 1913), S. 351-352]

Keine Kommentare möglich.