Franz Blei
Aus dem Tagebuch

Vor dem Affenhaus im Zoologischen hörte ich ein Freudenmädchen zu einem andern Freudenmädchen sagen: „Es fehlt ihnen nur das Geld.“ Der Anstrengung der Berliner scheint es gelungen zu sein, die Hübschlerinnen zu Philosophinnen gemacht zu haben. Die erstaunliche Hingabe der Berliner Männer an den Gelderwerb entspringt somit aus dem begreiflichen Bestreben, jenen konstatierten einzigen Unterschied zwischen sich und den Insassen jenes Käfigs quantitativ so bedeutend zu machen, dass er jenen Punkt erreicht, wo Quantität in Qualität umschlägt. Man sage also nichts mehr gegen das Geld!


Jedermann weiß, wie mir bei den Affen einfällt, dass die Berliner Schimpansin in unsern guten lieben Professor Schillings, der zum ersten Mal wilde Tiere im Freien mit Blitzlicht usw., verliebt ist. Die Kunde dieser Liebe – so groß war sie – kam bis nach Paris, wo ein Gelehrter an Schillings schrieb, er möge doch im Interesse der Wissenschaft den Annäherungen der Schimpansin keinen andern als den unter Liebesleuten gebräuchlichen Widerstand entgegensetzen, weil es doch, im Interesse der Wissenschaft, sehr wichtig wäre, zu erfahren, was dabei herauskäme. Professor Schillings vermochte es nicht über sich und der Wissenschaft dieses Opfer zu bringen. – Bei den Affen soll der Brief des Pariser Gelehrten eine große Aufregung hervorgerufen haben. Sie wollen einen Schutzverband gegen die Verschlechterung ihrer Rasse durch Vermischung mit Menschen gründen. Wer fühlt das den Affen in Berlin nicht nach?


Wie jedermann weiß, ist die Liebe das einzige Mittel, die Frauen zu bekommen, die für Geld nicht zu haben sind. Deshalb kommt die Liebe in den Großstädten immer mehr herunter. Bald wird sie im Legendären verschwunden sein. Die Lyriker der AKTION haben sie sogar als dichterisches Requisit schon aufgegeben. Und Neunzehnjährige denken, wenn sie bei einem Mädchen liegen, an nicht sonst als an die Lues, – und an einen Reim darauf.


Eine schöne Dame, die manchmal in die nicht immer ganz für sie angenehme Lage kommt, die Ehen anderer zu brechen, wurde unlängst von der ehelich Gebrochenen vor den Richter citiert als Zeugin dafür, dass sie mit dem Gatten der Klägerin eben jene Lage eingenommen habe, die zu der Anwesenheit der schönen Dame vor dem Richter führte. Dieser zeigte der Dame, der entzückend schönen, die Photographie des Mannes, mit dem sie usw. Denn sie wusste von gar nichts, kannte weder die Frau, noch den Mann. Sagte daher, als man ihr die Photographie zeigte: „Wie soll ich das wissen? Sie müssen mir die Photographie des nackten Herrn zeigen, damit ich ihn erkennen kann.“ Ich hätte nie gedacht, dass so viel Griechisches im heutigen Berlin noch sein könnte! In Paris wäre diese, die so sprach, dadurch berühmt geworden. In Berlin aber wurde sie nur vom Richter zu würdigem Benehmen ermahnt. Diese Stadt lässt eben keine Bedeutung aufkommen. Siehe N. Schuster.


Wenn man aus dem Fenster des sechsten Stockes herunterfällt, so hat man, wenn man am ersten Stock vorbeifliegt, nicht den Gedanken: Gottseidank, jetzt bin ich gleich unten. Aber Bethmann-Hollweg … Hier wurde ich durch ein Telephongespräch unterbrochen, das ich mit M. O. Soc Jes. Hatte. Darüber habe ich vergessen, was ich sagen wollte. … Was für ein formidabler Schafskopf dieser M. O.! Und vor solchen Leuten fürchtet sich der deutsche Bürger liberaler Zeitung! Er hat allerdings seine einzige Kenntnis von den Jesuiten aus einer Legende, die ein schwacher Rest jenes Jesuiten ist, der Sue’s Ewigem Juden als Inbegriff aller Scheußlichkeit vorkommt, ein melodramatischer Bösewicht im Stile eines Schauspielers Grube. Mein Gott ja! Es gibt keine Institution von einigem Alter, die nicht irgendwann einmal eine große Gemeinheit war. Und die katholische Kirche übertrifft als die älteste aller Institutionen darin alle andern. Der kaiserliche Automobilklub kann natürlich noch nicht viel auf dem Gewissen haben. Der Streit darüber ob die Jesuiten harmlos sind oder nicht, dieser Streit ist sehr harmlos. Viel wichtiger scheint mir, dass es von Innen her mit den Jesuiten zu Ende ist: sie tun nur mehr so als ob sie säten! Sie tun nur mehr so als ob sie ernteten! Sie freuen sich, dass man sie wichtig nimmt, denn das belebt den Gestus, aber der Geist ist seit etlichen vierzig Jahren in vollkommenen Verfall. Denn der Geist der katholischen Kirche ist seit Newmann und Kierkegaard nicht mehr beim Klerus. Und wie das immer war: die katholische Renaissance kommt von den Laien. Die heutigen Jesuiten aber sind weder Gute- noch Bösewichte, sie sind arme gottverlassene Hascherln, die halt leben wollen.


Man hörte in den Debatten wieder oft den ganz sinnlosen Satz „Ich respektiere jede ehrliche Überzeugung.“ Nur Eunuchen können das sagen. Ich sag’s vielleicht auch einmal, wenn ich mit 70 Jahren vertrottele. Spricht einer eine Meinung aus, die ihm schaden kann, so ist er mutig, nicht ehrlich. Die Ehrlichkeit ist nämlich was ganz Verstecktes, Innwändiges, an äußeren Zeichen gar nicht zu erkennen. Außerdem sagt die Ehrlichkeit gar nichts über den Wert einer Überzeugung aus, und den Wert kommt es wohl doch schließlich an, nicht? Am ehrlichsten sind die Verrückten; die zweifeln keinen Moment, und sagen einem sofort: so bin ich. Diese Leute mit der ehrlichen Überzeugung sperren sich in dem Zimmer einer Idee ein und schmeißen den Schlüssel beim Fenster hinaus. Mein Gott, was ist das viel, eine Idee, zwei Ideen! Alle oder gar keine! Das andere ist Faulheit: man ludert auf dem Bett seiner Idee herum und brüllt jeden, der zum Aufstehn auffordert, an: ich liege auf meiner ehrlichen Überzeugung. Nimm dein Bett und geh, du Kerl!


Das sogenannte Problem in den modernen Theaterstücken ist in der folgenden Geschichte ebenso einfach wie erschöpfend definiert:
Ich: Was ist denn das für ein Vogel, der da singt?
Er: Das ist ein sehr merkwürdiger, seltener Vogel.
Ich: So, so?
Er: Das ist der Wachtelkönig, ein Wandervogel, der im Winter in Ägypten lebt.
Ich: Das ist doch nicht merkwürdig.
Er: O doch! Er geht nämlich zu Fuß nach Ägypten.
Ich: Erlauben Sie, wie kommt er denn über das mittelländische Meer?
Er: Na, so viel kann er schon fliegen.


Dass man den Reichen einmal ihr vieles Geld wegnehmen wird, das ist sicher. Ebenso sicher ist aber auch, dass sie es hergeben werden. Es wird da keineswegs eine Rauferei sein, und die Sozialisten fühlen das dunkel, wenn sie vom Hineinwachsen und ähnlichem sprechen. Es wird sich nämlich konform zu den ökonomischen Forderungen eine parallel laufende Reihe des psychischen Verhaltens bilden, und dies sich darin äußern, dass der Reichtum sein moralisches Prestige verlieren wird, wie er jetzt schon sein ästhetisches verloren hat und dabei ist, sein intellektuelles zu verlieren. Reichtum wird bei den Reichen selber als etwas Unanständiges, Unmoralisches gelten, als ein menschlicher Defekt, als kompromittierend. Man wird ihn erst verheimlichen, so tun als wäre man nicht reich, die Gewohnheiten des Reichen verlieren, um sich schließlich nur mehr als ein mit der Verwaltung dieses Reichtums Geplagter vorzukommen, — wie gern wird man sich da expropriieren lassen! Ganz gewiss: es wird eine Zeit kommen, wo reich zu sein für lächerlich und ordinär gelten wird. Seien wir also sehr stolz auf unsere Armut!


Wir haben in Deutschland drei sehr witzige Köpfe, Kerr, Kraus und Harden, und so spinnenfeind sind sie einander, dass Kraus es wie eine Insulte empfinden wird, mit Harden hier durch ein „und“ verbunden, Kerr froh sein wird, von Kraus wenigstens durch ein Komma getrennt zu sein. Dass Kraus, der sehr gut schreibt, dass Kerr, der oft brillant schreibt, Harden wegen seines kümmerlichen „schönen Stil“ auslachen, das reicht für solche Feindschaft nicht hin. Die politischen Überzeugungen? Ich wüsste nicht, dass einer von den dreien welche hätte, die so leidenschaftlich wären, dass er den andern mit Rattengift vernichten möchte. So viel ich weiß, haben die drei sich auch nie wegen einer Frau zerkriegt. Sollte es die Witzigkeit sein, die sie also feindlich gegeneinander macht? Ist der Witz nicht aber Eitelkeit? Kraus gibt sie unumwunden zu. Kerr wird keine Schwierigkeiten machen, wenn man ihn eitel nennt, was ja auch außerdem nicht der geringste Fehler weiter ist. Harden, der Eitelste wohl, wird sicher ablehnen und von der Sache reden. Harden war Schauspieler, Kraus wollte es werden, war es gelegentlich, Kerr ist sehr interessiert für alles Schauspielerische und hat einen vortrefflichen Blick dafür. Es sind Verwandtschaften da, die den ersten Grund zum Hass geben, den Nebendinge fördern. Alle drei geben Zeitschriften heraus — ein toller Traum: Kraus (große Pause), Kerr (große Pause), Harden sollten zusammen eine Zeitschrift herausgeben, mit Harden als stillen Sitzredakteur. Das wäre der beste Witz der drei witzigsten Köpfe Deutschlands.

[Veröffentlicht unter dem Pseudonym Nikodemus Schuster in: Die Aktion, 3. Jg. (1913), Heft 11 (12. März 1913), S. 323-327]

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