Herwarth Walden
Für Kandinsky. Protest

Das „Hamburger Fremdenblatt“ vom 15. Februar 1913 veröffentlicht folgende Kritik:

Kandinsky
Zur Ausstellung bei Louis Bock & Sohn, Hamburg

Bei Louis Bock & Sohn hat wieder einmal einer jener unglückseligen Monomanen ausgestellt, die sich für die Propheten einer neuen Malkunst halten. Wir sind schon mehrfach mit guten ästhetischen Gründen gegen die unsinnige Theorie dieser Leute und gegen ihre ganze Pfuscherei zu Felde gezogen, daß wir heute diesen Russen Kandinsky rasch und ohne Aufregung erledigen können.

Wenn man vor dem greulichen Farbengesudel und Liniengestammel im Oberlichtsaal bei Bock steht, weiß man zunächst nicht, was man mehr bewundern soll: die überlebensgroße Arroganz, mit der Herr Kandinsky beansprucht, daß man seine Pfuscherei ernst nimmt, die unsympathische Frechheit, mit der die Gesellen vom „Sturm“, die Protektoren dieser Ausstellung, diese verwilderte Malerei als Offenbarungen einer neuen und zukunftsreichen Kunst propagieren, oder den verwerflichen Sensationshunger des Kunsthändlers, der seine Räume fürs diesen Farben- und Formenwahnsinn hergibt. Schließlich aber siegt das Bedauern mit der irren, also unverantwortlichen Malerseele, die, wie ein paar frühere Bilder erweisen, vor der Verdüsterung schöne und edle malerische Formen schaffen konnte: gleichzeitig empfindet man die Genugtuung, daß diese Sorte von Kunst endlich an den Punkt gelangt ist, wo sie sich glatt als den Ismus offenbart, bei dem sie notwendig landen und standen mußte, als den Idiotismus.

Man wird vielleicht finden, das seien harte und ungerechte Worte. Ich finde, es sind die einzig möglichen. Der Versuch einer ernsthaften Kritik würde in diesem Falle, meine ich, ein bedenkliches Licht auf den Kritiker werfen. Die bloße Konstatierung der Existenz einer solchen Pseudokunst ist eigentlich schon zu viel.
Kurt Küchler

Den letzten Teil dieser Kritik lasse ich fort, weil er wesentlich neue Beschimpfungen nicht mehr bringt. Herr Kurt Küchler braucht nicht widerlegt zu werden. Man ist auch weniger empört über die Dreistigkeit eines Possenautors, als über die Tatsache, daß einem Unwissenden von einer großen Tageszeitung die Gelegenheit gegeben wird, sich an dem hochbedeutenden Künstler Kandinsky so zu vergreifen. Dieser Protest richtet sich innerlich mehr gegen den Mißbrauch, daß solche Leute auf Künstler losgelassen werden. Dieser Protest soll aber zugleich für Kandinsky eine Ehrung bedeuten und ihm zeigen, welche Achtung und Anerkennung seine Kunst bei künstlerischen Menschen findet. Ich bewundere ihn und sein Werk.
H. W.

Richard Dehmel

Sehr geehrter Herr Walden
Wenn ich gegen die Dummheit des Federviehs jedesmal „etwas schreiben“ wollte, wäre ich längst am Schreibkrampf verreckt. Lassen Sie dieses Kurt Küchlein doch piepsen; für solche Hühnergehirnchen zerbricht sich Kandinsky wohl nicht den Kopf.
Besten Gruß
Dehmel

Karl Ernst Osthaus

Museum Folkwang / Hagen i/W
Es verlohnt wohl nicht auf die Ausführungen des Herrn Küchler näher einzugehen. Die Tatsache, daß sich Arbeiten von Kandinsky im Folkwang-Museum befinden, wird Ihnen zur Genüge sagen, was ich von dem Künstler halte.
Hochachtungsvoll
Museum Folkwang
Hagen i/W
Osthaus

W. Steenhoff

Stellvertretender Direktor des Reichsmuseum zu Amsterdam

Sehr geehrter Herr
Ich ließ Ihnen ein Exemplar meines Essays über Kandinsky in der Zeitschrift „De Amsterdammer, Weekblad voor Nederland“ zusenden. In einigen Tagen erscheint eine zweite Besprechung dieses sehr bedeutenden modernen Malers in der Wochenschrift „de Ploeg“, herausgegeben von de Wereldbibliotheek, Amsterdam. Ich höre, daß Albert Verwey, einer der ersten holländischen Autoren, in der Wochenschrift „de Beweging“ ein Gedicht über Kandinsky veröffentlichte. Übrigens ist Kandinsky auch hier viel durch die Kritiker beschimpft worden. Aber was macht das!
Hochachtungsvoll
W. Steenhoff

Moeller van den Bruck

Es geht durchaus wider mein Gefühl, gegen einen bedeutungslosen Schreier und Schreiber auch noch zu protestieren. Selbstverständlich ist Kandinskys Sache eine geistige Sache. Selbstverständlich ist er edler Idealist. Auch der Unberufene müßte sich wenigstens sagen, daß Kandinsky nicht grundlos und ohne innere Nötigung ein sicheres Können mit Experimenten vertauscht haben wird. Wir andern wissen dies.

Guillaume Apollinaire

Ich habe oft die Werke Kandinskys bei Gelegenheit Ihrer Ausstellung in Paris besprochen. Ich benutze gern die Gelegenheit, meine ganze Hochachtung für einen Künstler auszusprechen, dessen Kunst mir eben so ernst wie bedeutend zu sein scheint.

Dr. Fritz Burger

Ich gebe Ihnen gern zur Veröffentlichung zur Kenntnis, daß eine solche „Kritik“ nur eine dreiste und dumme Beschimpfung von Seiten des Unverstandes ist, der eben dort, wo er die Grenze seiner angelernten Schulweisheit sieht, zu solchen Mitteln greift, um den eigenen Rückzug zu maskieren. Man kann ehrlich ehrlich bekennen, daß man Kandinskys Schaffen für verfehlt hält, aber das Wesen jeder Kritik besteht darin, daß man sich in der Welt oder auf dem Boden desjenigen bewegt, der kritisiert werden soll, um innerhalb seiner Ideen zuzustimmen, oder zu verurteilen. Das mag im vorliegenden Fall schwer sein, enthebt aber die Kritik nicht von dieser selbstverständlichen Verpflichtung.

Lothar von Kunowski

Ist Kandinsky auf Abwegen?
Sicher nicht. Er untersucht die Bildwirkung, ohne Gegenstandsvorstellung zu geben.

Dazu bemerke ich: Man schneide aus einem großen Bogen Packpapier größere und kleinere Vierecke und lege das Papier mit den Ausschnitten auf bekannte Bilder. Man wird dann leicht sellen aus den Bildern ausschneiden können, die gar keinen erkennbaren Gegenstand zeigen.

Erweisen sich diese Ausschnitte als anregend, wertvoll und interessant im Sinne Kandinskys, dann ist das Bild von Wert. Zeigt es in solchen Ausschnitten beliebiger Stellen Seife, Öl oder Schmutz statt Handschrift und Farbe, dann stecke man es mit gutem Gewissen in den Ofen.

Das ist meine Stellungnahme zu Kandinsky.

Professor Dr. Theodor Volbehr

Kaiser-Friedrich-Museum der Stadt Magdeburg

Mir selbst ist Kandinsky in seiner Theorie und in seiner Praxis außerordentlich interessant, ich habe in verschiedenen Vorträgen dieses Winters ihn zu würdigen versucht.

―――――

Die Unterzeichneten erheben hierdurch gegen die Beschimpfung des Künstlers Kandinsky im „Hamburger Fremdenblatt“ vom 15. Februar den allerschärfsten Protest und sprechen dem Beleidigten ihre Sympathie aus:

Hans Arp / Guillaume Apollinaire, Paris / Peter Baum / Dr. Adolf Behne / Henri Martin Barzun, Direkteur Prïmes et Drama, Paris / W. von Bechtejeff, München / Dr. Heinz Braune, München / H. Campendonk / Robert Delaunay, Paris / Dr. Max Deri / Dr. Alfred Dölin / Dr. Julius Elias / Albert Ehrenstein / E. Epstein, Paris / Alfred Flechtheim / Dr. Eberhard Grisebach, Jena / Walter Helbig / Fritz Hellwag / Albert Gleizes, Paris / Franz Jung / A. von Jawlensky, München / César Klein / Bernhard Köhler / Rudolf Kurtz / Paul Klee, München / Marie Laurencin, Paris / Rudolf Leonhard / Alexandre Mercereau, Direktor de Vers et Prose, Paris / F. Léger, Paris / N. Minsky, Paris / August Macke / Franz Marc / F. T. Marinetti / Alfred Mayer, München / Ludwig Meidner / Alfred Richard Meyer / Dagobert von Mikusch-Buchberg, München / Wilhelm Morgner / J. B. Niestlé / Walter Ophey / Dr. Gustav Pohl, München / Dr. R. Reiche, Barmen / Richter-Berlin / Fr. Rosenkranz / M. E. Sadler, The University, Leeds in England / Arthur Segal / Dr. Franz Stadler / Dr. Wilhelm Stadler, Hamburg / Jacob Steinhardt / Peter Scher / Arnold Schönberg / Georg Tappert / Curt Viktor von Witzleben-Normann / Wilhelm Wulff, Soest / Marianne von Werefkin / Paul Zech / Egon Adler, München / Arthur Babillotte, Leipzig / Adolphe Basler, Paris / Bongard, Paris / Blaise Cendrars, Directeur de Hommes Nouveaux, Paris / S. Delaunay-Terck, Paris / Dr. Fritz Bahrmann, Jena / H. Hayden, Paris / Olivier Hourcade, Paris / Jean Jacques, Berlin / B. J. Kerkhof, Gennep-Holland / Alfred Loeb, Paris / Maurice Princet, Paris / Curt Seidel, Turin / Alexandre Smirnov, Professor an der Universität St. Petersburg / Oskar Stein, München / J. Stern, Paris / Erich Wichmann

[Der Sturm, 3. Jg. (1912/13), Heft 150/151 sowie 152/153 (März 1913), S. 277-279 sowie S. 288. – Ausschnitte und Unterzeichnete aus beiden Heften zusammen gefasst]

Keine Kommentare möglich.