Jens von Fintel (ed.)
Über Literatur 1913

Die Rheinische Kulturraumverdichtung beehrt sich, ab 1. Januar unter dem Titel „Literatur 1913“ eine Sammlung von Texten herauszugeben, die vor einhundert Jahren in deutschsprachigen Kulturzeitschriften erschienen sind: Gedichte, Kritiken, Essays, Erzählungen, Marginalien (und Grafiken) aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, aus der Zeit, als das 20. Jahrhundert sich in die Startaufstellung begibt.

1913

Das Jahr 1913 kann man mit Eric Hobsbawm als letztes Jahr des langen 19. Jahrhunderts nehmen, bevor die Katastrophen des 20. Jahrhunderts die Geschichte prägen, der Weltbürgerkrieg ausbricht und den Menschen übers Genick fährt. Das massenhafte Menschenvernichten ist da noch weitgehend handwerklich organisiert (auf dem Balkan nimmt das Schlachten seinen Anfang, in den Kolonien ist es längst im Gange). Die Industrialisierung – und später die bürokratische Rationalisierung – des Völkermordens ist noch nur eine finstere Ahnung derjenigen, die hellsichtig sind.

Das Jahr beginnt indes hoffnungsvoll: Der liberale Abgeordnete des Reichstags, Conrad Haußmann, schreibt Anfang Januar in der Zeitschrift März über die „Besserung der internationalen Lage“ und setzt auf die „Kraft der heimlich waltenden Vernunft“, die den Ausbruch eines großen europäischen Krieges bislang verhindert habe. Kaum drei Monate später schon, kann er angesichts des „Rüstungsfiebers“ der Großmächte, das „Verhängnis“ nicht mehr hinwegschreiben. Und Erich Mühsam weiß, wohin das führt: „So oder so: Das Volk muß bluten. Und wofür?“:

Für die Hysterie ihrer Oberen, ihrer Führer, ihrer Vertreter, die kopf- und atemlos den Kessel schüren, bis er eines Tages doch platzt und uns die Friedenspolitik unserer Regierungen einen Krieg auf den Hals hetzt, den auszumalen die grausamste Phantasie nicht verderbt genug sein kann.

Es ist also nicht der Besserwisserblick der Heutigen, der das Jahr 1913 nur in der Rückschau verfinsterte.

Texte und Klatsch

Andererseits: Die ersten längeren Texte Franz Kafkas („Der Heizer“, „Das Urteil“) erscheinen, Georg Trakl stellt seine Gedichte dem Brenner zum Erstdruck. Ernst Stadler, Alfred Lichtenstein, Jakob van Hoddis machen eine ganz illusionslose neue Lyrik. Das Feuilleton streitet über den Kintopp und die Revolution und die neue Kunst, die dabei ist, von den Gegenständen zu abstrahieren.

Solidaritätserklärungen allenthalben: mit den Opfern der Balkankriege, den Antimilitaristen aller Länder. Herwarth Walden solidarisiert sich mit dem Maler Kandinsky (der als „irre Malerseele“ mit ihrem „greulichen Farbengesudel und Liniengestammel“ diffamiert wird). Karl Kraus ruft unterdessen zu Spenden auf für die völlig verarmt durch Berlin ziehende Exfrau Waldens: Else Lasker-Schüler. Franz Marc malt ihr seine Pferde blau und Gottfried Benn geht mit ihr ins Bett (aber wer Klatschgeschichten lesen möchte, ist mit Florian Illies unlängt erschienenem Buch 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts bestens bedient).

Auswahl

Die Publizistik der ganz späten Kaiserreiche war ausgesprochen lebendig. In Wien ist Karl Kraus als sprachkritischer Spötter mit seiner Einmannzeitschrift Die Fackel unterwegs, nebenan in Innsbruck gibt Kraus-Fan Ludwig von Ficker den Brenner heraus. Nördlich der Alpen, in München, schreibt Erich Mühsam im Alleingang seinen anarchistischen Kain, die „Zeitschrift für Menschlichkeit“ und verkauft mitunter Gedichte an den Simplicissimus. Ebenfalls in München erscheint der liberale März. In Leipzig gibt Erik-Ernst Schwabach Die Weißen Blätter heraus. In Berlin machen sich Franz Pfemfert mit seiner Aktion und Herwarth Walden mit dem Sturm um die neueste Literatur und Kunst verdient. Ebenda schreibt Kurt Tucholsky für Siegfried Jacobsohns Schaubühne. Und das sind nur die wichtigsten Periodika dieser Zeit.

„Literatur 1913“ versammelt Materialien aus diesen Periodika und ergänzt sie bei Gelegenheit um Auszüge aus selbständigen Veröffentlichungen. In Einzelfällen werden auch Texte aus Tageszeitungen herangezogen. In der Regel soll werktäglich ein Text erscheinen, ab 1. Januar 2013.

Die Auswahl ist aus zwei Gründen beschränkt: natürlich sind da meine literarischen und politischen Vorlieben (manchem mag da zuviel Trakl und Mühsam dabei sein) einerseits, andererseits enthält „Literatur 1913“ ausschließlich Texte, deren urheberrechtliche Schutzfrist nach Meinung des Herausgebers abgelaufen ist (siehe hierzu die Hinweise unter „Rechte“). Nur aus letzterem Grund fehlen Texte von Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, Hermann Hesse, Hermann Broch, Max Brod, Franz Werfel, Salomo Friedländer, Lion Feuchtwanger, Otto Flake, Alfred Kerr, Paul Zech u.v.a. Urheberrechtlich geschützte Materialien zu verwenden, kann sich ein nicht-kommerzielles Projekt wie „Literatur 1913“ nicht leisten. Ob die Schutzfrist von siebzig Jahren nach dem Tod des Urhebers sinnvoll ist, dies zu beurteilen, überlasse ich gerne klügeren Menschen als ich es bin.

Viele der Texte sind heute Klassiker (allen voran natürlich Kafkas Betrachtungen und Erzählungen), andere sind heute wohl nur noch wenigen Experten unmittelbar geläufig (Lyrik von Grete Tichauer oder Isidor Quartner etwa).

Textgestalt

„Literatur 1913“ bietet keine historisch-kritische Ausgabe der Texte. Die Textgestalt ist sorgfältig anhand der Originalquellen erstellt und Korrektur gelesen, trotzdem wird es Fehler geben. Wenn Sie Fehler entdecken, nutzen sie bitte die Kommentarfunktion oder schreiben sie eine Mail an den Herausgeber. Die Orthographie folgt den historischen Veröffentlichungen und wird nicht modernisiert, typographische Besonderheiten sind allerdings behutsam standardisiert.

Manche Texte könnten für den heutigen Leser sehr gewinnen durch Kommentare, die den historischen Kontext erhellen. Dazu fehlt mir allerdings die Zeit. Wenn Sie historische oder auch textkritische Kommentare beitragen können, nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion. Über Kooperationen mit germanistischen Seminaren würde ich mich sehr freuen (ich verstehe sowieso nicht, warum das Netz nicht nur so wimmelt vor hervorragenden historisch-kritischen Editionen, die als Übung im Rahmen von philologischen Pro- und Hauptseminaren erstellt werden).

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