Karl Kraus
Das Buch der Bücher

„Pünktlich stellte sich auch heuer wie alljährlich der neue ‚Lehmann‘ ein ….“

„Von vielen Tausenden erwartet, ist der ‚Lehmann‘ mit gewohnter Pünktlichkeit erschienen ….“

Daß pünktlich am ersten Jänner das neue Jahr beginnt, darüber staunt man auch in Wien, aber man macht weiter kein Aufhebens davon, weil sich das Interesse doch mehr der Frage zuwendet, ob der neue Lehmann pünktlich erschienen ist.

„Besonders der zweite Band wandert von Hand zu Hand, denn nun kann selbst der harmloseste Mitbürger die Genugtuung erleben, seinen Namen mit allen Titeln und der Wohnung gedruckt zu lesen.“

Nämlich selbst jener, der zu unproduktiv ist, eine Zuschrift über die verspätete Aushebung eines Postkastels in der Blumauergasse an ein Weltblatt zu senden. Aber auch die Million, die dies und ähnliches schon vollbracht hat, kann den neuen Lehmann nicht erwarten. Er ist das einzige Buch, zu dem der Wiener wirklich eine tiefinnere Beziehung hat, und die sprichwörtliche Beliebtheit der Bibel bei den anderen Nationen läßt sich damit gar nicht vergleichen. Der Wiener schwört auf den Lehmann. Ein Mensch, dessen Adresse nicht im Lehmann steht, dürfte sich in Wien nicht lange halten können. Man sieht hier auf die Berliner mit Geringschätzung herunter, weil sie nicht im Lehmann stehen, und es soll Ausländer geben, die dem Zustand, nicht im Lehmann zu stehen, nicht anders als durch eine Übersiedlung nach Wien ein Ende machen konnten. Auffallend ist dabei, daß der bekannte Schriftsteller Roda Roda sich diese Gelegenheit bisher hat entgehen lassen, so daß der Lehmann tatsächlich die einzige Druckschrift ist, die seinen Namen nicht führt. Freilich ist zu bedenken, daß der Lehmann sich auf Pseudonyme nicht einläßt und mit einem Rosenfeld Rosenfeld niemandem gedient wäre, während zum Beispiel der Kürschner so entgegenkommend ist, gleich an erster Stelle vom Roda Roda zu sprechen, der dem Übelstand, daß das Alphabet nicht mit R beginnt, kurz entschlossen dadurch ein Ende gemacht hat, daß er sich das Pseudonym »Aba Aba« beilegte, um nun auch an der Tete der deutschen Literatur genannt zu werden, und dies, wiewohl er früher nicht einmal Abeles Abeles geheißen hat. Das glaubt man natürlich nicht, ehe mans gesehen hat. So tüchtig könne keine Firma sein, daß sie sogar ihren Namen opfere, um genannt zu werden. So eitel sind aber Spaßvögel, die unter dem Vorwand, sich über die eigene Eitelkeit lustig zu machen, es von Herzen sind, und es ist eine Vordringlichkeit, die noch auf ihre Findigkeit eitel ist und immerzu glaubt, über die Übelkeit, die sie ihren Mitmenschen verursacht, mit Humorigkeit hinwegzukommen. Solche Schalksnarren, die gehört haben mögen, daß ein Dichter, der in die Schreibmaschine diktiert, ein Gräuel vor Gott ist, setzen sich darum selbst an die Schreibmaschine und lassen sich extra noch in diesem Zustand photographieren. Und ausgerechnet, während der Schalk ihnen aus dem Auge lacht. Und kommt das Alphabet nicht zu ihnen, so kommen sie zum Alphabet. Denn nur wer an erster Stelle eines Nachschlagewerkes genannt ist, fällt auch allen jenen Alphabeten auf, die bloß ihren eigenen Namen suchen. Die erste Seite sieht jeder an. Darum bleiben die berühmtesten Männer verborgen, wenn ihr Name mit R beginnt: selbst wenn ihre Titel den breitesten Raum in Anspruch nähmen. Denn der Lehmann ist ein Nachschlagebuch, in dem der Wiener nur seine eigene Adresse sucht, die des andern ist eh’ falsch. Fremde Bedeutung schlägt man im Lehmann nicht nach. Und wenn wir einen Mann hätten, dessen Name so populär wäre, wie der eines Roda Roda in Deutschland, und er begänne auch mit R, wir fänden ihn in allen Blättern, wir schnitten ihn in alle Rinden ein, aber wir suchten ihn nicht im Lehmann. Wer ist denn zum Beispiel der wichtigste Mann von Wien? Also der, welcher die meisten Titel und Orden, kurz den größten Raum im Lehmann hat. Das dürfte der Minister des Äußern sein. Besonders jetzt, nach der Krise.

Berchtold von und zu Ungarschitz Leopold Gf., Ghm. R., φ Minister d. k. u. k. Hauses u. d. Äußern. Vorsitz i. gemeins. Ministerrate, Mitgl. d. Magnatenhauses d. ung. Reichstages, Kanzler d. Elisabeth-Ord., GVO., LO Gr. Krz. (i. Br.), Ehr. R. d. Malt.-RO., R. d. r. AlNO., d. pr. schw. AD., d. r. Stan. O. 2 (m. St.), d. sächs. HO. d. Rauten-Kr., Gr. Kr. d. bulg. AO., d. mont. DO. u. d. mon. KO. R. d. frz. E.Leg., IX/1 Strudelhofg. 3 T Clrg. Ministerium I. Ballhausplatz 2. T

Das ist nicht viel. Die hohe Politik machts nicht immer. Berchtold ist nicht der bedeutendste Wiener. Blättern wir. Montenuovo, Paar — nein, auch die Höflinge haben es nicht über fünf bis sieben Zentimeter gebracht. Einen fetten Zunamen hat immer nur der erste Träger, einen fetten Vornamen keiner. Doch, einer:

Riedl Ludwig, Besitzer des Café d. l’Europe, Bürger von Wien, E., handelsgerichtlich und landesgerichtlich beeideter Sachverständiger und Schätzmeister für das Kaffeesiedergewerbe, kaiserl. persischer, königl. rumänischer, königl. serbischer u. königl. montenegrischer Hoflieferant, Besitzer des kaiserl. österr. goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone, Ritter des königl. großbritannischen Viktoria-Ordens, Ritter des königl. preußischen Kronen-Ordens, Besitzer d. königl. bayrischen Prinz-Regent-Luitpold-Medaille in Silber, Ritter des königl. Ordens der Krone von Italien, Kommandeur des königl. span. Ordens Isabella d. Katholischen, Besitzer d. französischen Dekoration eines Officier d’Academie, Ritter des königl. Ordens der Krone v. Rumänien, Besitzer der königl. rumänischen Jubiläums-Medaille Karol I., Offizier des kaiserl. ottomanischen Medjidie-Ordens, Besitzer der kaiserl. ottomanischen Liakat-Medaille in Silber, Offizier des bulgarischen Alexander-Ordens, Offizier des königl. serbischen Sava-Ordens, Offizier des königl. montenegrinischen Danilo-Ordens, Besitzer der königl. montenegrinischen Jubiläums-Medaille des Königs Nikolaus I., Offizier des tunesischen Nischan el Ihftikar-Ordens, Ritter des päpstlichen Ordens vom heiligen Grabe, Besitzer des päpstlichen Ehrenkreuzes pro Ecclesia et Pontifice, Kommandeur des liberischen Ordens (mit dem Sterne), Kommandeur des kaiserl. persischen Sonnen- und Löwen-Ordens, Besitzer des kaiserl. persischen Ordens l’Instruction publique 1. Kl., Besitzer der goldenen Medaille des kaiserl. persischen Sonnen- und Löwen-Ordens, Besitzer der goldenen Salvator-Medaille der Stadt Wien, Ehrenbürger der Gemeinde Bergles bei Karlsbad, I. Stefansplatz 8. T 19.541 Clrg.

Das glaubt man natürlich nicht, ehe mans gesehen hat. Ich sag’s ja: wer das Unglück hat, mit R zu beginnen und zu einem günstiger gelegenen Pseudonym zu ehrlich ist, wer als Riedl leben und sterben will, so ein schlichter Gewerbsmann, der kann von Glück sagen, wenn er von anderen Teilnehmern des Alphabets bemerkt wird außer von seinen engeren Leidensgenossen. So enthält der Lehmann eine Sensation, die von Jahr zu Jahr wächst, ohne daß es die vielen merken, die nicht zufällig auch Riedl heißen. Denn die Rubrik, die dem bedeutendsten Wiener eingeräumt ist, wächst jährlich um einen vollen Zentimeter. Natürlich, und mit Recht, auch deshalb, weil zum Beispiel ein ausgeschriebener Kommandeur des liberischen Ordens (mit dem Sterne) doch mehr ist als ein Ehr. R. d. Malt.-RO., und ein Besitzer der kaiserl. ottomanischen Liakat-Medaille in Silber doch ganz anders dasteht als zum Beispiel ein R. d. pr. schw. AD. Und dann sind die Orden, die abgekürzt getragen werden, auch viel seltener als die ausführlichen Titel, für deren Häufigkeit der Besitzer oft gar nichts kann. Man betrachte nur das Wachstum 1912 auf 1913, wiewohl diesmal im liberischen Passus das Verdienst um die Befreiung Afrikas ausgelassen ist. Wie wird das werden? Der Lehmann ist jetzt 56 Jahre alt, wird jährlich dicker und wird in vollster körperlicher Frische bald ein Jubiläum feiern. Alle andern Riedls aber, und uns alle, die mit einer Zeile abgefunden sind und denen, wenn’s hoch kommt, ein Telephon oder die Auszeichnung, im Clearing-Verkehr zu stehen, zugestanden wird, uns alle wird der Neid zusammenschrumpfen machen, bis wir vollends im Schatten Riedls leben, eine ganze Stadt im Schatten eines Mannes, zu dem längst der Stefansturm hinaufschauen muß, vom Stock im Eisen und von sonstigen unbedeutenderen Wahrzeichen gar nicht zu reden. Daß der bedeutendste Wiener ein schlichter Kaffeesieder ist, an den sie eben in Tunis und an der Goldküste denken, das ist in der Wiener Eigenart begründet — was kann der Lehmann dafür? Er sagt die Wahrheit. Man verzichte auf die Eitelkeit, immer nur seinen eigenen Namen finden zu wollen. Man lese den Lehmann! Wer nur möbliert wohnt, kommt nicht hinein, aber er gibt Ehre wem Ehre gebührt. Er ist nicht nur pünktlich, er ist verläßlich. Er gibt Aufschluß über Wien. Die Adressen mögen nicht immer stimmen. Aber, wahrlich, er ist kein Adreßbuch — Adreßbücher gibts überall —: er ist eine Kulturgeschichte!

[Die Fackel, 14. Jg. (1913), Nr. 366/367 (Januar 1913), S. 17-20]

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