Karl Kraus
Ein Weiser

(Falsche Neujahrsgratulanten.) Vor dem Margaretner Strafrichter Dr. Wokurka waren gestern sechs Burschen, Franz Abster, Heinrich Czerni, Theodor Zeratni, Franz Hotko, Johann Mörser und Wenzel Stipalik, angeklagt, weil sie paarweise, von Haus zu Haus gehend, sich bei den einzelnen Parteien als Rauchfangkehrer ausgaben und auf diese Weise für ihre Neujahrsgratulationen Geldgeschenke erhielten. Schon seit dem Christtag hatten diese Burschen in den Bezirken Wieden, Margareten und Meidling ihr Unwesen getrieben und den Wohnparteien namhafte Summen entlockt. Sämtliche Angeklagten waren geständig, nur Mörser erklärte, er sehe nicht ein, daß das ein Betrug sei, wenn er sich als Rauchfangkehrer ausgebe. Seine Glückwünsche seien ebensoviel wert wie die eines echten Rauchfangkehrers. Der Richter verurteilte die Angeklagten zu je zwei Wochen Arrest.

Ein Sachverständigenbeweis über den Wert der Glückwünsche eines echten Rauchfangkehrers wurde nicht zugelassen. Dieser Prozeß führt zurück in ein Wien, das noch besser war, als jenes, dessen Postbüchel bereits Kolo Moserschen Einfluß aufweisen. Nur das Urteil, das zwischen echten und falschen Neujahrsgratulanten unterscheidet, ist neuwienerisch. Früher hat man gesagt: Wenn einer so freundlich ist, uns am 1. November ein glückseligs neux Jahr zu wünschen, so wird er es selbst wohl nötig haben. Wenn heute in Wien ein falscher Rauchfangkehrer gratulieren geht, so empfindet man das so, wie wenn in Deutschland ein falscher Hauptmann von Köpenick eine Gemeindekasse plündert. Aber dieser Mörser ist ein guter Mörser. Er hat eine Bombe geworfen. Dafür muß der Mörser in den Block. Er hat sein Unwesen getrieben, denn er hat das Unwesen ohne Lizenz betrieben. Eine aristokratische Kultur erkennt das Betteln als Fähigkeit an, die demokratische als Beruf. Ein Neujahrsgratulant ist nicht mehr jene Erscheinung, die das Gemüt anspricht oder die Nerven belästigt, sondern eine, die das Rechtsbewußtsein interessiert. Eine legitime Beziehung zwischen ihm und uns muß vorhanden sein. Den Wagentürlaufmacher kennt man so, der Mistbauer muß beglaubigt sein, sonst hat er kein Recht, an unser Gemüt zu appellieren. Wenn dir einer entgegentritt und dir Glück wünscht, so sei vorsichtig und frage zuerst: Ja, wer sind Sie denn? Nimm nicht aus Nächstenliebe jeden Kanalräumer an, wirf nicht der Einfachheit halber jeden hinaus, der unter dem Vorwand einer Sympathie Geld von dir will, sondern prüfe und lehne nur den falschen Kanalräumer ab, der unter dem Vorwand, ein echter zu sein, dir Sympathie entgegenbringt. Das erfordert mehr Zeit. Aber wozu lebt man denn?

[Die Fackel, 24. Jg. (1913), Heft 1 (Januar 1913), S. 21-22]

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