Karl Kraus
Merkmale der Entspannung

Ein Oberleutnant — aus dem Krieg wird ja doch nichts — säbelt einen Kutscher nieder. Die Fürstin, die im Wagen saß, sagt aus, der Kutscher habe „‚Halt die Goschen, blöder Kerl!‘ in dem gutmütig-groben Ton, den wir im Verkehr der Kutscher mit den Chauffeuren untereinander gewöhnt sind“, gerufen. Der Oberleutnant sagt aus, er habe „zum Kutscher in ruhigem, gemütlichem Ton gesagt: ‚So fahren Sie doch mit Ihren Krampen zwei Schritte vor, damit man durch kann!‘“ Die Fürstin sagt aus, der blutüberströmte Kutscher habe fortwährend gerufen: „Ja, was hab’ ich Ihnen denn ’tan, gnä’ Herr?! Schaun S’ mi’ nur an, gnä’ Herr, i hab’ Ihnen do gar nix ’tan!“ (Ober euer Gnaden, was geben S’ mer denn do?) „I bin der Kutscher von der Fürstin Liechtenstein!“ Der Oberleutnant sagt aus, „ein Herr in Zivil habe, als er bereits wieder im Wagen saß, noch das Coupé geöffnet und ihm zugerufen: ‚Bravo, Sie haben sich sehr gut gehalten und sehr korrekt benommen. …!‘“ Ob der Herr in Zivil, der noch einmal das Coupé geöffnet hat, ein Wasserer war, wird nicht gesagt. Aber alles scheint sich in den ruhigsten Formen abgespielt zu haben, und das Friedensbedürfnis ist nicht zu verkennen.

[Die Fackel, 14. Jg. (1913), Nr. 368/369 (Februar 1913), S. 5-6]

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