Karl Kraus
Von einer Feuerwehr, die sofort erscheint

(Brände in Königspalästen.) Aus Potsdam, 11. d.M., wird telegraphiert: Heute vormittags brach im Adjutantenflügel des Neuen Palais ein Brand aus. Die Potsdamer Berufsfeuerwehr rückte sofort mit der Dampfspritze und allen verfügbaren Kräften aus. Der Brand nahm keinen großen Umfang an und wurde bald gelöscht. — Aus München, 11. d.M. wird telegraphiert: Heute früh brach im Wittelsbacher-Palais, in dem der Prinz-Regent Ludwig gegenwärtig residiert, in der Garderobe ein Kaminfeuer aus. Die sofort erschienene Feuerwehr löschte den Brand in kurzer Zeit.

Es ist schön, daß die Feuerwehr allerorten keine Protektion kennt, sondern Königspaläste ebenso schnell bedient wie die Hütten der Armen. Aber es ist zugleich ein Beweis, wie die Presse, die ihre Kunden auch alle gleich schnell bedient, den Schwachsinn bereits verwöhnt hat. Die Feststellung, daß ein Brand gelöscht wurde, genügt nicht mehr. Es ist auch nötig, zu sagen, daß er von der Feuerwehr gelöscht wurde. Und daß die Feuerwehr zur Stelle war, genügt auch nicht mehr. Es ist nötig, zu sagen, daß sie sofort zur Stelle war. Feuerwehr ist zwar ohnehin etwas, das sofort ausrückt: das ist ihr wesentliches Merkmal, und es wäre eigentlich nur bemerkenswert, wenn sie’s einmal nicht täte, wenn sie also aufhörte, eine Feuerwehr zu sein. Aber von einer Schnecke zu sagen, daß sie langsam vom Fleck kam, ist Sache des Berichterstatters, der es beobachtet hat. Und bekanntlich weiß sich die Zeit, die keine Zeit hat, die Zeit damit zu vertreiben, daß sie sich in infinitum definiert. Denn so ist das Leben, daß es so ist.

[Die Fackel, 14. Jg. (1913), Heft 368/369 (Februar 1913), S. 8]

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