Klabund
Balaschew

Man bleibe mir mit den amerikanischen Millionären vom Leibe.

Die russischen Millionäre: das ist das wahre. Zum Beispiel: Balaschew.

Balaschew war ein großer Philosoph.

Er tat immer gerade das Gegenteil von dem, was man von ihm erwartete.

Konnte eigentlich das in schwerer Schuldennot befindliche „Säuglingsheim“ (und mit Recht) vermuten, er, der vielfache Millionär, werde sich seiner mit einer kleinen Summe annehmen, so gab er keinen roten Heller. So flehentlich, unter Berufung auf allerlei Ethik, man ihn auch bar. Hingegen überraschte er eines Tages den „Verband überzeugter Antialkoholiker“, dessen ausgesprochener Gegner er war (das beweist sein nicht gewöhnlicher Konsum an Wodka), mit einer Summe von 10000 Rubeln zur Begründung einer „Balaschewstiftung“, deren Zinsen dazu verwandt werden sollten, erprobten Verbandsmitgliedern (sie mußten dem Verband mindestens 15 Jahre angehört haben), an ihrem Namenstage eine Dedikation von fünfzig Flaschen Karlsbader Brunnen zu überreichen.

Balaschew konnte krähen wie ein Hahn und bellen wie ein Hund.

Um diese seine Fertigkeit nicht nutzlos brach liegen zu lassen, kaufte er an einer der Hauptstraßen Moskaus ein Haus, ließ es niederreißen und baute eine geräumige und komfortable Hundehütte an seiner Statt. Einmal in der Woche, und zwar am Donnerstag, kroch er hinein und bellte die Vorübergehenden laut und mißgünstig an.

Er nannte das: Diogenes spielen.

Er besaß eine Katze, alt, struppig und von abschreckender Häßlichkeit. Er ließ sie in allen Stellungen, von hinten, von vorn, von oben und unten photographieren und sandte die Photographien an alle Zeitschriften des In- und Auslandes, einschließlich der Honkong-Times und der Woche, welch letztere sie denn auch (nach seinem Tod) brachte.

Er abonnierte auf sämtliche Zeitungen per Streifband. Sah aber nur nach, ob auf der Banderolle „Sr. Hochwohlgeboren“ stand. Fehlte diese Formel, so bestellte er die Zeitung sofort ab. Fand er sie klar und deutlich vor, so abonnierte er hundert Exemplare.

Eines Tages mußten ihm seine Füße abgenommen werden. Er ließ sie ehrenvoll bestatten und errichtete ihnen ein rötliches Marmordenkmal mit der Inschrift: „Hier ruhen die Füße Balaschews. Wanderer eile vorüber, wenn du nicht einen Tritt haben willst.“

Balaschew starb vor etwa vier Wochen. Er wurde im Armensarge begraben und ohne geistliche Hilfe. Seinem Sarge folgte eine Kapelle, die unermüdlich bis zum Friedhofe dieselbe Melodie spielen mußte: „Schöne Minka, ich muß scheiden.“

So sehen wir, daß Balaschew, in einer für Millionäre seltenen Weise durchaus der Pflege geistiger Güter zugewandt, insonderheit der stoischen Philosophie leidenschaftlich ergeben war.

Er stand übrigens mit Tolstoi im Briefwechsel, was unsere hohe Meinung von ihm nur noch verstärkt.

[Veröffentlicht unter dem bürgerlichen Namen Klabunds, Alfred Henschke, in März, 7. Jg. (1913), Heft 11 (15. März 1913), S. 414]

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