Ludwig Rubiner
Brief an einen Aufrührer

… Sie fragen mich weiterhin an, ob ich ein Mittel wüsste, das die Haare gründlich chemisch weiss färbt. Sicherlich gibt es so ein Mittel, und es wird Ihnen eine Zeitlang helfen können, im glaubwürdigsten Aufzuge als alter Mann unbeobachtet arbeiten zu können. Aber, wissen Sie es noch nicht, ich bin garnicht der, an den Sie sich um Kostümierungen wenden dürfen. Ich verstehe auch nichts von der Romantik der Revolution, denn ich verstehe nichts von Einzelfällen, von Stolz oder Mantelwürfen. Nur weil ich in Paris lebe — darum weiss ich noch lange nichts vom lustigen Leben. Wie Sie zu den Menschen reden wollen, das muss ich Ihrem Körper überlassen; oder (ohne das Letzte zu verschweigen) dem Körper Ihres nächsten Kameraden, wenn Sie hochgehen. Aber womit Sie erregen, was der Sinn Ihrer Erinnerungsrufe sein kann, das will ich Ihnen sagen, an meinem runden Tisch, vor dem Tintenfass, das nicht mit Sprengstoff gefüllt ist. Und als eine Einzelzelle, solange isoliert in ihrem Protoplasma, bis sie das Zucken einer andren Zelle, irgendwo in der Welt, spürt.

Dann noch, Sie sind der Körper, Sie strecken den Arm aus. Drum muss ich Ihnen über die erregendsten Dinge dieser Erde die abstraktesten Worte sagen. Ich muss Sie wissen lassen, dass immer irgendwo in diesem Zusammenleben der Menschen eine Willensmaschine da ist, nach der Sie und Ihre Kameraden handeln oder immer gehandelt haben. Lassen Sie sich, mit allen Voraussetzungen Ihres denkenden Lebens, das Entscheidende ohne Verkleidung sagen, sein Knochiges, sein Gerüst. Das, wonach Sie, in der Umsetzung des Körperlichen, handeln müssen. Also abgezogen, konstruktiv, auf Denkgitter projiziert.

Meines Sinnes wär es, am Ende viele tausend Blätter aus weissem Papier alle Monat unter die Leute zu bringen, auf deren jedem nichts andres zu stehen brauchte als die gewiss schönsten Worte unserer Sprache: Freier Geist. Heut erscheint mir diese tautologische Fassung als die machtvollste an Wirkung.

Weil sie ein Entschluss ist. Weil sie Zusammenhauen von historischen Hemmungen ist. Weil sie Umsetzung vieler betrachtender Stunden in einem Endsinn ist. Weil sie weit weg ist von Farbigkeit, von Eingehülltsein; von Melodie. Von Dichtung. Von Mitläufertum; von Genüssen; fern von Kunst. Herrlich. Des weiteren eine Kriegserklärung. Bewusst gegen alle Schwindler (die, um sich die kleinen technischen Vorteile ihres Schriftsteller-, Maler-, Musikgewerbes zu erhalten, den eigenen anständigen Menschen zu verstecken suchen). Denn dies alles handelt vom anständigen Menschen.

Heute glaube ich endgültig: es ist nötig, dass unsere Mitlebenden immer wieder in Unruhe gestellt werden. Nicht, indem man sich über sie lustig macht, da ja Überlegenheit bloss das Leben in die Länge zieht. Sondern durch das Beispiel. Es handelt sich in der Welt, diesem Leben Zusammen, um den Anständigen Menschen. Dies ist uns allen sicher. Wir wissen von ihm, wir erwarten ja nie ein anderes. (Und allein die Lügenhaftigkeit eines Soziologen wird versuchen, hier Definitionen anzubringen. Man kennt die Methode und ihre Motive.) Nur darum geht es, dass man zu jeder Zeit die Grundantriebe unsrer überhaupt möglichen Existenz der Öffentlichkeit bloss zeigt. Meinetwegen in der schmierigsten Illumination eines billigen Transparents. Oder mit Pathos. Oder mit Sentimentalität. Oder mit irgendeinem Mittel, das den Körper in Erschütterung bringt; ihn ahnen lässt, dass der mittelmässigste Tod — der nur uns alle eine Sekunde besonnen zittern macht — besser ist als die mirakelvollste Hinaufstufung. Den einen Moment nur regen können! in dem alle Gewohnheiten abfallen als historische Kostüme. In dem alle selbstverständlichen Annehmlichkeiten des Lebens gar nichts nützen, sondern allein die Feuererinnerung unseres Collektivdaseins. Dass wir da sind, mit vielen — die gewisslich dasselbe merken. Und die auf uns warten.

Alles Wort ist Schwindel, alle schöne Rede ist Beschwindelung. Das Wirkliche für unsere Ohren, das unbetrügerische Sinnvolle liegt einzig in der verschliffensten, verbrauchtesten, faulsten Rede; bei der keiner schon mehr was Besonderes denken kann.

Vielleicht ist heut der allerabgebrauchteste Ausdruck aller Ausdrücke das Wort: freier Geist.

Gut. Sagen Sie es, sprechen Sie es aus. Schreiben Sie es:
verbreiten Sie es. Und Sie haben die Propaganda durch das Beispiel. Sie holen bei Ihren Mitmenschen einen Maelstrom von unterdrückten Empfindungen herauf. Die Umsetzung aller Hemmungen (die den Einzelnen gewiss götterähnlich individualisierten) in ein deutliches, klar gezeigtes Resultat. Resultat. (Und das ihn wieder in die Menge einreiht.) Diese ungeheuerliche Transposition des Seelischen in gestalthaftes Dasein sprengt auf unserer Erde alle Riegel zu den Instinkten der Mitlebenden. Menschenhaftes Beispiel — einzig von Wert in unserm Leben — ist da, sowie nur Einer mit Bestimmtheit, und der unbedingten Aussichtslosigkeit des Mannes vor dem Schafott, Gedachtes ausspricht. Ausspricht. Dies Letzte in die Welt ejaculiert: Der freie Geist.

Doch sind noch einige Anhänge da, derentwillen ich die bedingungslose Rede vom freien Geist liebe. Ein Protest? Ja, sie ist ein Protest gegen die verschmierten Hirne von Liebhabern der schönen Künste, von Sektierern der Empfindung, von vegetativer Hochnäsigkeit der Sammler, oder nur so kleiner Leute wie unsere neuen alexandrinischen Poeten. Denn nichts auf der Welt ist gemeiner, verschmitzter, tiefer in schweinischer Hilflosigkeit versunken als die Künstler unserer Zeit und ihre Schriftsteller. (Jeder ein Ego, jeder ein Erleber, jeder ein besonderer Beschauer der Dinge! Und jeder Lump ein Erklärer.)

Aber „Der freie Geist!“ — ist das nicht die Rede von 1848? Ja.

Die gewohnte Abkürzung der Polemik mit Hinrichtungsabsichten ist, einen Gegner als aufrechten Achtundvierziger auszuläuten. Das bedeutet einen dicken Mann mit grauem Bart und Brille, wie etwa Franzosen den deutschen Professor denken. Und es ist ein Mensch, der sich an der Einbildung Demokratie vollsäuft, um beim Kegelspielen mit dem Trinkglas auf flacher Hand gegen Minister zu poltern.

Aber was geht uns ein Datum an? Nun, dieses centriere eine Zeit, in der Tagesschreiber dicke Romane fertigten, Reporter Gedichtbände ausgaben, Pauker Philosophie mimten. Sehr merkwürdiges Datum — ein Schimpfwort für Künstler, eine Verlegenheit heute für die Bürger, eine Lächerlichkeit für die geordneten Systematiker der proletarischen Umwälzung (durch Abwarten). Offenbar ein Protest-Datum.

Oder — da man diesen gebrechlichen Klätschern wohl mal auf die Historie hauen muss — oder führen diese epileptisch datierenden „Gegner“ etwa mit List einen kurzbeinigen Politiker aus der Bismarckzeit an?, rechnen sie auf Ahnungslosigkeit des Zuhörers durch geschwinde Überredung, hegen sie die komische Hoffnung, ein Geduldiger werde vielleicht die Bürgerphrase irgendeiner Kaiser-Friedrich-Liberalie besinnungslos mit dem Wissen um lebendige Kraft vertauschen lassen?

Ah, vielleicht rufen Sie sich alle eine Sekunde nur zurück, wo zu Deutschland in den letzten Jahrhunderten Menschliches sich regte. Menschliches, kein Begriff, sondern der Zustand eines einzigen Moments, der Augenblick, in dem klar wird, dass nichts, nichts, nichts zu verlieren ist. Dass es nichts zu lehren, zu verbessern, zu entwickeln gilt — sondern zu beseitigen. Zu stören. Zu zerstören: Hindernisse zu sprengen; die Klumpen der Materie zur Explosion zu bringen. Auf dass ein Funke, ein Wissen ums Erste, eine Gewissheit vom Geist in uns allen plötzlich und gemeinsam hinauf springe. Ho, was nachher ist, das ist gleich; es gilt nur einmal, einmal an unser wahrhaftes Dasein in uns — und in allen — zu erinnern. Wann gab’s das bei Deutschen, wenn nicht um jene Zeit! Oh, wir wissen alles selbst: dass die Katastrophe klein war, dass sie in eine „Bewegung“ auslief, dass sie Staatliches zeugte und auch amerikanische Zeitungsbesitzer fett werden liess. Aber. Aber sie war doch da; sie spritzte doch hoch, sie machte Unruhe. Und nicht durch Sammeln von Unterstützungsgeldern sondern durch das Beispiel. Durch das Lebendige an Körpern; durch indiscutable Handlungen, Gefahren, Wutausbrüche. Nie vorher und nie später hatten die gesammelten Menschen deutscher Sprache und deutschen Benehmens diesen Mut der Aufrichtigkeit. Dieses Ziel der Intensität. Diese Fähigkeit zur Expansion! (Und ich weiss selbst, warum die Geschichte schief auslief!)

Es ist die sinistre Narkose der heutigen Gesellschaft, die immer wieder zwingt, historisch zu kommen, wo es sich doch um Angelegenheiten des Anfangs handelt. Ums Erste. Die entsetzliche Verkümmerung der Zeitgenossen steht immer wieder da in der Angst vor sich selbst, in der feigen Sorge entschieden anders Gesprochenes zu vernehmen, in dem Verstecken der eigenen Anständigkeit. (Und heute muss noch immer bestimmt gesagt werden, dass es sich nicht um Systeme der Anständigkeit handelt, sondern um die unanzweifelbar in der Welt vorhandene Anständigkeit selbst. Die Angst der Havarierten unserer Zeit findet ja immer gewisse Mode-Symbole — das historische, das soziologische, das psychologische — um mit Hilfe von Definitionen eigene lepröse Gebreste zu vertäuschen.)

Schnell noch Dummheiten abtun. Die dämliche Wahrheit ist doch, dass hinter allem Misstrauen gegen den deutschen Aufruhr eine absurde Vorstellung steckt. Zwänge man, sie deutlich auszusprechen, zeigte sich Blödsinn. Vielleicht „zu jener Zeit gab es keine Kunstwerke. (Und nun ganz toll:) Zum Beispiel Stefan Georges Gedichte nicht.“ Und wollte man einigen Kretins wirklich erwidern, könnt man doch nur sagen: jeder Lümmel weiss, dass Corneille, Hölderlin, Alfieri, George — mächtige Kunst-Energien — in jeder Epoche (Epoche) selten waren.

Wieder hinauf. Man muss aus solchen Tagen das Wort überliefern: „Die schlechteste Madonna ist mir wichtiger als das bestgemalte Stilleben.“ Und dieser Spruch des Mannes, der die Lobrede auf Jean Paul ätzte, bleibt ewig; bleibt für uns, weil er besitzloser, wissend verarmender, für immer unverkäuflicher ist als die berühmten Spargelbünde, an denen die Kunsthändler reich werden. Doch (zu schweigen von Bakunin, zu schweigen von Proudhon, die im Draussenland standen) blühte in jenen Jahren nicht der grösste deutsche Mann, Stirner? Der deutlichste Seelenschreiber seit Meister Eckhart, der gedrängteste Bauherr des Bewusstseins vom Aufruhr, der Lehrer der Katastrophe, der kalt hitzende Verkünder der Brände. Und seit Denkensmöglichkeit der Erste, der alles Erworbene von uns ablöst, alles Zufällige zermodern lässt, alles Zeitliche in seiner Gesetzlosigkeit entdeckt. Ein Mann, bestrahlend im hellen Lichtkreis das dunkelste Bewusstsein, die Erinnerung an embryonal atomische Zustände, an Dasein in Zellen-Frühe. Aufleuchten lässt der, was uns treibt aus Tagen vor unserer Geburt her. Unser Erstes, unser Menschliches, unser Anständiges. Und unser Gemeinsames: den Geist (ein Wort dessen panoptikumartiges Alter niemand härter erwiesen hat als Er). Den Geist, der gewisslich frei ist. Frei — unzufällig, unzeitlich, unbesitzlich — ewig und frei; gerad so alt, wie es diese Attribute aus Volksversammlungen sind. Dass die Volksversammlung Unrecht hat, ist eine dumme, von individualen Affen aufgestellte Behauptung. Natürlich, natürlich, sie hat auch nicht Recht. Das wissen wir selbst. Aber dazu ist sie gar nicht da. Sie ist da, um festzustellen, Resultate definitiv zu zeigen. Und aus dem einzigen Moment, wo die Kellner und die Biergläser und die Zigarren gleichgültig werden und wo man dran ist, Tische umzuschmeissen — aus diesem Moment kommt ein Sinn hervor, den jeder längst kennt, und den ungestört auszudenken jeder sich schämte. Hier kann — — hier kann das bewusst werden, was wir Geist nennen. Unsere Wucht kann (kann) vorstossen. Unser Dasein kann einmal im Leben ein Ziel haben: Alles Schwingen Ausser-Uns brennt blendend durch unsere Einzelheit hindurch! Gut — mögen einige hingehen, und darnach Fresken auf Kalkwände malen, dass nach Jahrhunderten versprengte Völker noch in ihnen sich bejaht finden; es mögen Leute diese Sekunde professionell vernutzen, um göttliche Dramen zu schreiben. Doch sagt dies nichts für die Schreiber und Maler, und alles für den Geist. Denn, hören Sie mich für diesen Ton, den wir alle hassen und der uns unsere Kindheit vergällt hat, als wir begannen zu denken. Hören Sie mich für den Ton „Frei“. Wie soll man das sonst nennen, dies lebendige Gewächse, das — nicht mit dem Definitiven, dem Festgestellten, dem in uns allen Gegebenen; mit den Resultaten nicht verkittet ist; nicht wolkig darum brütet, um Realismen oder Mystizismen zu zeugen. — Sondern diese helle, unzweifelbare, nimbische Kraft, die von den Resultaten erst ausgeht, die sie nicht bildet oder umbildet, nicht äusseres oder inneres Ding produziert. — Sondern das Gegebene, letzt Erschienene, Befassbare . . . lenkt. Lenkt: des Gelenkten Organisches erweist, sein Wirkungsfähiges. Seine Latenz zum Zusammenhang. Da wird das Gegebene, das Ding, das Körperhafte mit einem Mal zum Sammler der Kräfte; zum Bild; zur Haltung, unter der man liebt und hasst. Zum Gleichnis, das zu führen scheint und mit dem wir in die ewigen Katastrophen der Empörung stürzen (und das uns zur religiösen oder politischen oder sozialen Draperie wird). Wie soll man das sonst nennen, das die trümmerhafte Zufälligkeit der Massendinge in Notwendigkeit zusammenzwingt, nicht durch Quantitatives, Gleich-ebenes, Stufung, Entwicklung; auch nicht durch „Einswerden“. — Sondern lenkend, lenkend, gerad aus unseren eigenen Entkörperungen, aus unserem Nicht-Bemessbaren und Unzeitlichen; zuletzt gesprochen, aus unserem Menschlichen. Was ist das, wenn nicht der Freie Geist.

Wir sind beladen mit dem Gedächtnis an alle Klumpen des Massenhaften, an Daten des Realen, welche alle der freie Geist als Bilder und Kulissen bewegt, hingeworfen, umgeschoben hat. Alles Ding, das nicht belebt ist, wird ja für uns alt und abgebraucht sein. Darum nur schien uns das Feuer und der Wind, und das Meteor und der Blitz, darum dünkte uns das Schöpferische, der Geist, der frei lenkt, alt und verbraucht.

Doch klar zu sein, dass dies da ist, der freie Geist; und mit Willen und Bewusstsein, im schwunghaften Herunterstreifen aller eitrigen Hemmungen, die uns Jahre auf der Haut brannten, laut zu nennen: was wahrhaftig in unserer Welt schafft — ist das noch grosser Mut? Es ist nur eine Konfession.

Monat März. In der neutralen Stadt Paris.

[Die Aktion, 3. Jg. (1913), Heft 12 (19. März 1913), Sp. 341-347. Digitalisat: Universität Duisburg-Essen]

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