Ludwig Thoma
Von Giftmischern

Einen Augenblick tritt Stille ein nach dem wütenden Streite und man hört ruhige Stimmen, welche die Kriegshetzereien dieser letzten Wochen eine verbrecherische Torheit nennen. Anatole France und Michel Bréal mahnen zur Vernunft, und das ist wie ein Klang aus besseren Tagen. Von damals, wo man nahe daran war sich zu verstehen. Es ist nicht lange her. Neun oder zehn Jahre.

Wenn sich die Schreier in die geröteten Gesichter sehen, nur auf Minuten stumm geworden, könnten sie sich fragen, was diesen Höllenlärm eigentlich entfacht habe.

Eigentlich — nichts.

Die Regierungen Frankreichs und Deutschlands haben sich über die strittigen Fragen geeinigt, Verträge geschlossen und unterschrieben. Beide erklären, daß es gegenwärtig keine Differenzen gebe, beide schwören, daß sie nur für die Verteidigung rüsten — was haben die Völker gegeneinander?

Eigentlich — nichts.

Sie lieben den Frieden, die Arbeit, das Recht, sie wollen ehrlich verdienen und sparen, sie denken nicht daran, Leben, Gesundheit, Wohlfahrt für kriegerische Abenteuer einzusetzen.

Wenn die Regierungen und die Völker aufrichtig den Frieden wollen, woher kommt der wütende Lärm, der Haß, woher kommen die kreischenden Drohungen, als wollte man sich morgen an die Gurgel fahren?

Doch nur vom Mißtrauen, von der festen Überzeugung, daß der Grenznachbar den ersten günstigen Moment benutzen wird, um über das Vaterland herzufallen.

Das Mißtrauen malt sich die ganze Ruchlosigkeit des Vorhabens aus; die Vorstellung erregt Wut, die sich bis zur Raserei steigert.

Und so kann zur Ursache des wirklichen Unheils werden, was nur die Folge des eingebildeten war.

Was gibt den Anlaß zu diesem gefährlichen Mißtrauen, unter dem alles ruhige Verständnis erstirbt?

Eigentlich — nichts.

Keine Geschehnisse, Taten, keine Wünsche nach Eroberungen, nichts.

Die Rüstungen dienen ja nur der Verteidigung, sind die ausgesprochenen Folgen des Mißtrauens, wie sollten sie seine Ursachen sein?

Zudem, sie kommen nach der Hetze, die seit Jahren getrieben wird, vielleicht wegen ihr, sie können nicht verantwortlich gemacht werden für den Haß, der lange vor ihnen die Sinne verwirrte. Nein, geben wir der chauvinistischen Presse, was der Presse ist.

Schmälern wir nicht ihr Verdienst! Sie hat es erreicht, hüben und drüben, daß alle Fäden zerrissen sind, daß jedes Wort, jede Gebärde mißverstanden wird, daß Gerechtigkeit, Humanität, Friedensliebe als schwächliche Anwandlungen von jedem schreienden Stubenhocker verhöhnt werden dürfen.

Lassen wir der gelben Presse diese Ehre! Es ist die Kleinarbeit von 365 Tagen im Jahre, Mosaik, zusammengesetzt aus Gemeinheiten, Entstellungen, Lügen. Es ist die Arbeit nicht von mächtigen Geistern, sondern von kleinlichen Leuten, die niedrigen Instinkten schmeicheln, verbrecherischen Begierden dienen und trotzdem durch Phrasen, durch nichts anderes als Phrasen die Ehrlichen und Verständigen zum Schweigen zwingen.

Keiner von diesen Leuten hätte die Gabe, das Volk fortzureißen, vielleicht jeder von ihnen erregt Unwillen und Verachtung bei den Näherstehenden, und doch haben sie es vermocht, durch Wiederholen und Wiederholen, daß leere Worte und Lügen zu unantastbaren Wahrheiten geworden sind, und doch haben sie Tropfen für Tropfen der öffentlichen Meinung Gift eingeflößt, bis diese in krankhafter Überreizung die Kraft zum Widerstande verloren hat.

Diese Presse hat gesiegt. Gestehen wir ihr das neidlos zu!

Die bürgerliche Welt von hüben und drüben will sich nicht mehr verstehen, findet auch nicht mehr, was sie ehedem aneinander finden konnte.

In Frankreich verzichtet man auf die graziöse, freie Heiterkeit, die Jugend bereitet sich auf die Schicksalsstunde vor, so heißt wohl die Redensart, und in Wahrheit erlaubt man den Gassenbuden, das große Wort zu führen, erlaubt man jedem Lumpen, sich mit der Revancheidee interessant zu machen, zu der sich in unehrlicher Furcht die Tüchtigsten bekennen müssen. In das Privatleben greift der politische Haß ein, die immer hochgehaltene Gastlichkeit wird verletzt, ausländische Arbeiter sollen mit einer Kopfsteuer belastet werden, gegen deutsche Waren wird der Boykott gepredigt und aus der verbitterten Stimmung heraus erwachsen Zustände, die in einem friedlichen und gesitteten Lande kaum mehr erträglich scheinen.

Auch in Deutschland wirkt die immer wieder verkündete Botschaft von dem unvermeidlichen Kriege lähmend und verderblich.

Die gefaßte und ruhigere Art des Volkes läßt wohl solche Frechheiten, wie sie die Rotzlöffel, die Herren Camelots du Roi und andere verüben dürfen, nicht zu, aber wir pfeifen leider auch die Propheten nicht aus, welche im Lande herumreisen und von der „tatenarmen“ Zeit faselieren.

Es ist auch in bürgerlichen Kreisen anerkannte Lehre geworden, daß man bei allen Tumulten in der Welt sich ein möglichst großes Stück in die Tasche zu stecken habe.

Ein Staatsmann, der kaltblütig die Schreierei verachtet, muß sich leidenschaftliche Angriffe gefallen lassen, und das Bürgertum nickt schwermütig mit dem Kopfe dazu und läßt sich vorrechnen, was Bismarck alles genommen hätte.

Prahlhänse, die in einem Kriege noch nicht einmal einen Katarrh riskieren würden, dürfen als Patrioten paradieren, wenn sie Fanfaren blasen.

Festreden gelten schon kaum mehr als abgerundet, wenn nicht auf das künftige Einsetzen von „Gut und Blut“ hingewiesen wird.

Eine Freude an tönenden Worten macht sich breit, die früher nicht im Schwange war, und die Gutmütigsten verstehen nicht mehr, wie aufreizend Drohungen wirken müssen. Zwischen Frankreich und Deutschland türmt sich eine Mauer auf, und von der alten, verständigen Würdigung des Guten hier und dort ist kaum mehr etwas zu merken.

Man ist soweit gekommen, daß man die besten Leistungen des andern hämisch anzweifelt; höchstens regt sich noch ein mit Sorge vermischter Respekt vor der möglichen Verwendung irgendeiner großen Erfindung im Kriege.

Denn alle diese Siege des menschlichen Geistes, die Erfindungen der Flugzeuge, der lenkbaren Luftschiffe, der drahtlosen Telegraphie usw. dienen ja nur dem künftigen, unabwendbaren Zerstörungswerke.

Vor fünfzig Jahren wäre man in Europa selig gewesen über die märchenhaften Fortschritte der Technik, vor achtzig Jahren hätte Herr Biedermaier die Erfinder überschwenglich angedichtet, hätte von der Verbrüderung aller Europäer geträumt, heute rechnet der Spießbürger aus, wie viele Zentner Dynamit aus einem Luftkreuzer heruntergeschmissen werden können und der Bourgeois läßt die „Adler“ Jagd machen auf alles, was da kreucht und fleucht.

Das friedliche Behagen aneinander ist verschwunden, jedes Gefühl für gemeinsame Aufgaben ist erstickt.

Michel Bréal und Anatole France predigen gegen den verbrecherischen Wahnsinn jeseits der Vogesen. Was gilt’s, sie werden diesseits darum verhöhnt werden?

Es ist alles vergiftet, und das verdanken wir der nationalen Presse.

Ehre, wem Ehre gebührt.

[März, 7. Jg. (1913), Heft 13 (29. März 1913), S. 451-454]

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