Otto Pick
Der Posten

Hohe Mauern umschließen quadratische Höfe, deren Begrenzung grüne, starke Gitter bilden. Dicht an den Höfen ragen nackte hohe Gebäude empor. Kein Fenster ist erleuchtet.

Scharf heben sich die Konturen der einzelnen Häuser der Strafanstalt von dem tiefblauen Himmel ab. Von hundert zu hundert Schritten unterbricht die Helle der getünchten Mauern ein Schilderhaus. Vor jedem wandert eine einsame Gestalt mit schwerem Tritte auf und ab. Bajonette funkeln über blauen Mützen. Die Wachposten sind auf ihrer Hut.

„Zum hundertfünfundvierzigsten Male bin ich an dieser Stelle angekommen. Noch eine Stunde und man löst mich ab. Warum nur muß ich gerade hier immer stehen bleiben und emporschauen? Es brennt ja kein Licht in den Zellen und die Fenster sind trüb wie böse Augen . . .“

Dies flüsterte der Soldat, welcher das Gebäude der lebenslänglich Verurteilten zu bewachen hatte, vor sich hin, als er zum hundertfünfundvierzigsten Male seit Beginn der Nacht an einem Vorsprung der Umfassungsmauer stand, von wo er die ganze Front des häßlichen Raumes betrachten konnte. Johann Köhler war seit vier Monaten Soldat und dies sein erster Dienst als Wachposten.

Vor einem halben Jahre war in ihm ein anderes Bild dieses Wachestehens gewesen. Damals kannte er nur die Posten, die vor Kasernen oder staatlichen Gebäuden stehen und anscheinend zwecklos mit geschultertem Gewehr längs des Trottoirs stolzieren. Als er mittags mit seinen Kameraden das Strafhaus erreichte, wo er als Posten stehen sollte, hatte ihn in einem Augenblick der Wunsch gepackt, aus Reih und Glied davonzustürmen, zurück in belebte Gassen, unter Menschen, nichtuniformierte Menschen.

Denn als ein Beamter mit riesigen Schlüsseln das Doppeltor öffnete und es schweigend wieder verschloß, umfing die Soldaten eine lastende Stille, die Johann Köhler jenen Drang zur Flucht einflößte.

Die Posten wurden aufgestellt. Die ersten Minuten verbrachte der junge Soldat mit der Betrachtung seiner Umgebung, die bald beendet war. Außer den Nachbarposten sah er keinen Menschen. Die Gebäude waren so glatt und weiß und kahl, daß er das von ihm zu bewachende kaum von den anderen unterschieden hätte, wäre es ihm gestattet gewesen, einen bestimmten Raum vor demselben zu über schreiten. Die Stille bedrückte ihn. Die Kälte machte sich allmählich fühlbar.

Als seine Neugier befriedigt war, begann er gelangweilt auf und abzugehen. Er zählte die Schritte von seinem Schilderhause bis zu den schwarzen Streifen an der hohen Mauer, die den dem Posten gewährten Bewegungsraum begrenzen. Es waren dreiundvierzig Schritte. Er überprüfte die Berechnung, zählte dann die Fußlängen ab, überprüfte ihre Zahl und langweilte sich schließlich wieder. Tags über war der Dienst unschwer zu versehen, weil die Sträflinge stets unter Bewachung durch die Aufseher stehen. Von Zeit zu Zeit erschien an einem Fenster des Gebäudes ein Kopf mit hoher Beamtenmütze bekleidet. Es waren Aufseher, die auf die Uhr am Turm des höchsten Hauses schauten.

Sie tauchten auf und verschwanden wie die Figuren eines Spielwerkes oder wie die Apostel auf der Prager Rathausuhr, die der junge Soldat an einem Sonntag bewundert hatte. Ein andrer Vergleich fiel ihm später ein, als er nach der Ablösung in dem rauchgeschwärzten Wachzimmer auf einer schmutzigen Hobelbank saß: ebenso ruckweise und unerwartet waren in dem Kasperltheater, welches an Festtagen auf dem Marktplatze seines Heimatsdorfes aufgeschlagen wurde, die bunten Puppen aufgetaucht und verschwunden.

Als Köhler in der Dämmerung wieder vor dem Schilder hause stand, spähte er zu den Fenstern empor, das Erscheinen einer Beamtenmütze erwartend. Er vermeinte, es müsse nach ihrem Auftauchen auch wieder die rauhe Stimme ertönen, die in der Heimat die eckigen Gesten der Drahtpuppen begleitet hatte.

Köhler war in Gedanken in der Heimat. Erst beschäftigte er sich damit, die Erlebnisse der letzten Zeit als Nichtsoldat zurückzurufen; dann tauchte Bild auf Bild der Eltern und Geschwister auf und allmählich verschwand das Dunkel der Höfe ganz und er sah auch nicht die flackernden Laternen längs des Drahtzaunes. Johann Köhler verbrachte den Rest der Nacht nicht vor dem Schilderhause der Strafanstalt, sondern in seinem Heimatsdorfe. Noch aber war es nur ein Erinnern und wunschloses Zurückschauen, noch war es kein Heimweh, das ihn bewegte.

Oft mußte er in seinen Gedanken eine Pause einschalten und mit der Wolle der behandschuhten Hände die erfrierenden Ohren reiben. Auf die wärmende Erinnerung an Heimat, Lampenschein und Sonntagsvergnügen legte sich die eisige Hand der Nacht und zwang ihn, im Laufschritt um das Schilderhaus zu eilen, die Hände in die Manteltaschen zu vergraben und die Beine im Paradeschritt zu schlenkern und niederzustampfen. Dann wieder stand er untätig da, im Kopfe eine ohnmächtige Leere. Und er begann die Sterne zu zählen, ohne damit zu einem Ende zu kommen. Unmutig wünschte er die Stunde der Ablösung herbei. Die Turmuhr grollte in den Hof herunter: Fünf!

Die Kälte wurde unerträglich, endlos die Minuten. Nach einer Stunde löste ein schlecht ausgeruhter Soldat mit hoch geschlagenem Kragen den bebenden, mißmutigen und schläfrigen ab.

Als der Posten Johann Köhler am Morgen wieder die Stelle betrat, deren Ausdehnung und Eigenschaften er nächtens auswendig gelernt hatte, bot sich ihm ein niegesehenes Bild: Die Sträflinge durften eine Stunde lang die unverfälschte Luft der Außenwelt in sich saugen, damit ihre Lungen für weitere dreiundzwanzig Stunden die Lust der kostbaren Atemzüge des Morgens nachahmen könnten.

Die erbärmlich klaffenden Fenster der geheimnisvollen Gebäude stierten auf den Hof hinunter, der vor Köhlers Schilderhäuschen war. Gleich einer Wiesenleiche lag die Fläche des Hofes da, die im Sommer wohl einen Garten vorstellen sollte.

Der Posten stand regungslos, und das Leder des Gewehrriemens schnitt in seine krampfhaft geschlossene Hand ein. Er glaubte noch zu träumen, schlimm zu träumen. Die Sträflinge schritten im Kreise herum. Am Anfang und am Ende der langen Reihe grauer Blusen, Hosen und Mützen stolzierten die Aufseher, warm in Pelze gehüllt, den Säbel umgeschnallt, in leeren Gesprächen.

Ein magerer Greis mit gelbem Gesicht, der als letzter humpelte, war nicht mehr imstande, sich dem Erwärmungstempo der anderen anzupassen. Köhler bemerkte, wie sein Blick ihn, den Posten, mit böser Hast streifte, dann an dem Holzgitter zu rütteln schien und müde, hoffnungslos auf den Fersen seines Vordermannes kleben blieb.

Seltsam, die Schar bestand aus sehr vielen Jünglingen, vielen Greisen und in der Minderheit aus reifen Männern. Nie in seinem Leben hatte sich Köhler einen Verbrecher, einen Sträfling, anders vorgestellt, wie als einen starken Mann mit faltiger Stirn, bösem Blick und bleichen Wangen. Hier aber waren Knaben noch, gerötete bartlose Gesichter, Zwanzigjährige, die flott einherschritten und mit häßlichem Lachen auf den Posten deuteten oder — wenn sie sich unbeobachtet fühlten — die Köpfe zusammensteckten. Dann waren Greise da, weißbärtige wilde Gesichter von lebenslänglich Verurteilten; daneben Gewohnheitsdiebe, alte Männer mit verzerrten, schlauen Mienen, irrflackernden Augen und gestikulierenden Händen. Aber es war noch eine furchtbarste Gruppe da, die einen konzentrischen, bedeutend kürzeren Weg um die Mitte des Hofes zurückzulegen strebte: die Krüppel.

Es dauerte lange, bis der Soldat die Überzeugung gewonnen hatte, daß auch sie lebten und kein gräßlicher, tagheller Traumspuk waren. Einer auf Holzbeinen stützte sich auf eines Einäugigen Schulter. Keiner war im Besitze aller für einen auf Flucht sinnenden Verbrecher unentbehrlichen Gliedmaßen. Sie schleppten sich in großen Abständen einher, mancher nach wenigen Schritten haltmachend. Sie waren wie die Schar der Sünden, die über die Erde schwankt. Sie waren eine Widerlegung des Alltagsglaubens der Menschen, daß Verkrüppelung die härteste Strafe sei und willenlos mürbe mache. Gerade unter ihnen befanden sich die Stammgäste des Zuchthauses: Einarmige, deren Linke das nachzuholen gestrebt hatte, was der Rechten zeitlebens verwehrt gewesen, Lahme, die immer wieder nach vollbrachten Diebstählen zu fliehen versuchten. Hier waren halbe Menschen, die doppelte Verbrecher waren.

Hin und wieder ein Jüngling in der Schar der Gesunden, der den Kopf hängen ließ und nicht aufzuschauen wagte. Burschen, die das erste Verbrechen hergebracht hatte, die bleich waren und beim Anblick des bewaffneten Postens zusammenzuckten.

Viele harte Blicke trafen ihn, viele vorwurfsvolle, viele flehende. Ein blasser dunkelhaariger Bursche zischte ihm zu: „Henkersknecht, Verräter, Feigling du!“ Andere rieten ihm höhnisch, Acht zu geben, daß sein Gewehr nicht losgehe. —

Das Resultat dieses Erlebnisses war ein furchtbares Gefühl von Trauer und Angst vor dem Leben, das Köhler befiel. Furcht vor dem Leben, welches Menschen, die ihm glichen, denen er glich, zwischen diesen Mauern auf dieser Wiesenleiche hinzuschleichen zwang, nutzlos und überflüssig wie tote Dinge. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Er verwechselte sich mit den Sträflingen, er sah sich in der vergangenen Nacht im grauen Sträflingskleid durch den Hof traben, bewacht von einem frierenden Soldaten, der seine fassungslosen Züge trug. Die Kälte und Müdigkeit nach durchwachter Nacht vereinigten sich mit dem Mitleid für diese Verbrecher, mit Furcht vor ihnen, Furcht vor dem Militär, Sehnsucht nach der Heimat und einem mächtigen Drange, die Mauern zu überklettern und hinwegzufliehen von dieser Stätte und aus dieser Stadt . . .

Die Aufseher hatten ein Tagesereignis zu besprechen. Einer hielt die Morgenzeitung in Händen und las vor. Sie beachteten die Sträflinge nicht.

Da stimmte eine heisere Stimme ein Lied an. Nach und nach fielen die anderen ein, hohe und tiefe, furchtsame und freche Stimmen.

Der Posten reckte den Hals und lauschte. Nur einzelne Strophen des monotonen Gesanges vernahm er deutlich:

„— Sie stießen uns vor das Tor,
Als wir noch ehrlich waren.
Weh, daß mit zwanzig Jahren
Jeder die Freiheit verlor . . . . .

Und schwarze Fenster klaffen
Und blasse Hände zittern.
Wir recken uns wie Affen
Und rütteln an den Gittern . . . . .“

Da ging ein Stöhnen durch die Schar. Die Jüngsten ballten die Hände. Manche wiesen sie drohend dem bleichen Posten Johann Köhler.

„— Einst öffnet sich das Tor,
Und mit ergrauten Haaren,
Greise in jungen Jahren
Schleppen wir uns hervor.“

Die Turmuhr schlug neun. Die Aufseher trieben unter drohenden Zurufen die Schar durch feste, beschlagene Türen in die Gebäude hinein. Der Gesang war jäh verstummt.

Der Hof war leer.

Als die Ablösung kam, fand man den Jnfanteristen Johann Köhler ohnmächtig auf der Erde liegen. Er wurde in das Spital geschafft und nach einigen Tagen als geheilt entlassen. Als er einen Monat später wieder im Strafhause Posten stehen sollte, entfloh er nachts zuvor aus der Kaserne.

[Der Brenner, 3. Jg. (1912/13), Heft 7 (1. Januar 1913), S. 292-298. Digitalisat: Austrian Academy Corpus (Anmeldung erforderlich)]

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