Otto Pick
Franz Kafka [Betrachung]

Ein einziges Mal erst, in Franz Bleis „Hyperion“, ist uns der Name des Pragers Franz Kafka begegnet. Dort waren, zwischen Verse von Hofmannsthal und ein Claudelsches Dramenfragment etwa, wie zufällig hineingeweht, diese tagebuchartigen Anmerkungen eines seltsamen Mannes zu lesen. Stilistisch von unglaublicher Reife, von der Leichtigkeit französischer Meisterprosa, rhythmisch wie Klagelieder einsamer Mädchen, anspruchslos und ihrer Neuartigkeit bewusst, berichten die knappen, manchmal in einem einzigen Satze alle Auf- und Abschwellungen eines dauernden Gefühls gewährenden Prosastücke etwa die täglichen Erlebnisse eines Menschen aus bügerlichem Hause. Scheinbar nur. Denn diese neue Art von Betrachter, wie Kafka sie restlos, daher unnachahmbar repräsentiert, sieht nie die Dinge an sich und auch nicht ihren Schein: Die Begriffe verschieben sich, Alltägliches steigert sich zum Außerordentlichen, Gespenstisches wird wohlvertraut …

Kafka empfindet direkt; aber seine Direktheit führt ihn dorthin, wo wir nur auf Irrwegen hinzugelangen pflegen, ohne es zu erstreben. Für ihn wird der zufällige Bekannte, der sich ihm für ein Stück Weges anschließt, in einer unkontrollierbaren Sinnesaufwallung zum Bauernfänger, zum Erzfeind, den er mit Anspannung aller Kräfte zu entlarven strebt …

In diesem Buche wird die Welt als etwas unendlich Rätselhaftes, in seiner derben Wirklichkeit bereits Unwirkliches betrachtet, als eine Art Marktplatz, wo die Menschen einsam herumirren, vieler Gefahren gewärtig, so dass sie misstrauisch einander meiden, jeder den vermeintlichen Gegner zu durchschauen glauben und ausweichend in weicher Scheu verborgenen Gässchen zutraben.

Franz Kafka ist der stets aus seiner irdischen Form Schlüpfende, der unglückliche Durchstürmer seines Zimmers, der Entdecker von Tagesgespenstern, der Melancholische mit der Gebärde der Geschäftigkeit. Scheinbar fröhlich klingt es, was er als „Kaufmann“, „Herrenreiter“, „Junggeselle“ usf. uns erzählt: aber da taucht mitten im Bericht die Kubinsche „andere Seite“ dieser Existenzen auf: Das Undurchschnittliche an ihnen, die Gedanken, die nicht sie haben, sondern die ihnen, als Personifikationen des Dichters suggeriert werden.

Versucht man eine Formel für diese Art der Lebensbetrachtung zu finden, so gerät man in Verlegenheit. Vielleicht, sagt man sich, ist hier der eigentliche „Indifferentismus“ am Werke, der die Luft hinter den Dingen sehen lässt, da die Dinge selbst ohne Belang und allzu leicht zu durchschauen sind. Oder hat die schlummernde Kraft eines Schwachen hier ihren Ausdruck gefunden? Die heftigen Stellen des Buches lassen es vermuten, z. B. der „Wunsch, Indianer zu werden“, dieser Wunsch, in dessen Äußerung der Sehnsüchtige allen Schwung und alle Kraftverdichtung seiner unmöglichen Erfüllung legt. Die Art, wie „Entschlüsse“ so lange bis in ihre letzten Konsequenzen durchlebt werden, bis sie die Berechtigung der Ausführung verloren haben, vor allem aber die furchtbare Erkenntnis des Verlassenen, der sich mit der Betrachtung des Lebens von seinem Gassenfenster aus zu begnügen entscheidet, — solche Stellen des Buches „Betrachtung“ verraten die ganze Seelenqual eines neuen, befangenern Kaspar Hauser.

„Betrachung“ ist bei Ernst Rowohlt, Leipzig, erschienen.

[Die Aktion, 3. Jg. (1913), Heft 8 (19. Februar 1913), Sp. 243-244]

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