Peter Altenberg
Erlebnis

Ich habe eine Dame kennen gelernt, die mir sehr gefiel, so „neapolitanische Schönheit“, braungelb, zart, mit gerader edelster Nase. Ich war neugierig auf ihr 3½ jähriges Töchterchen. Als ich es erblickte, sah ich eine Höherentwicklung der Mamaschönheit! Infolgedessen schenkte ich dem Kindchen eine Schachtel voll „Prunes d’Aute“. Die Mutter sagte beglückt: „Das ist zu viel!“ Ich sagte beschämt: „Es ist zu wenig!“ Das Kind war ein „lebendes Püppchen“, die Mama war eine erwachsene Dame. Man glaubte, daß ich das Kindchen lieb habe wegen der Dame, aber ich hatte die Dame lieb wegen des Kindchens!

Das Kindchen war die „Weiterentwicklung“, die „Höherentwicklung“ der Mama. Aber das versteht niemand, sonst wäre es ja auch nicht „modern“. Das Kindchen konnte mich nicht leiden, denn es verstand meine Begeisterung nicht, und dachte sich jedenfalls im stillen: „Gott, was für ein Narr!“ Die Mama verstand alles und sagte: „Ja, mein Töchterchen hat eine noch idealere Nase als ich selbst. Und dann ist sie jünger — — —.“

Man teilte mir mit, daß ich „pervers“ sei, was ich abschüttelte wie das Nilpferd einen Pfeil. Endlich schrieb mir der Papa: „Im Interesse der Erziehung unseres Kindchens bitte ich Sie sehr, Ihre ‚Schokoladensendungen‘ einzustellen.“

Ich dachte natürlich an die „verstopfende Wirkung“ von Schokolade. Aber es war etwas „Seelisches“! Man fürchtete, das Kindchen könne „eingebildet“ werden und eitel. Infolgedessen grüßte ich Mama und Kindchen nicht mehr. Da sprach mich die Mama eines Tages an und sagte: „Mein Kindchen kränkt sich, daß Sie es nicht mehr grüßen!“ Ich erwiderte: „Ich befürchtete, es könne ‚an Verstopfung‘ leiden und eitel werden!“ Da ging die Mama schweigend und langsam hinweg — — —.

[Simplicissimus, 17. Jg. (1913), Heft 46 (10. Februar 1913), S. 765]

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