Richard Oehring
De profundis: Charite

Auf unserm Aussatz liegen die Laken wie Schnee
— Kühler Schnee deckt die Verruchten der Charité.
Unser Fieber sinnt immer um das eine:
Wir standen auf in einer Nacht, erfüllt
von Angst, dass du uns ewig bliebst verhüllt.
— Du warst strahlend über dem toten All.
Das lag wie ein verlassnes Bett zerwühlt . .
Wie hab ich tiefer dich als je gefühlt
in meiner Liebe frommem Sündenfall.
Wo bist du? — Straßen hat es mich durchhetzt.
Der böse Nachtwind höhnt: was willst du jetzt?
Aus allen Ecken kriechen Spinnenschrecken
— geschwollner Leib zerbricht die dürren Beine —
und weben Netze, die ein Herz umklammern.
In Gossen küssen Säufer Riesenkröten.
Ein Sumpf kommt gnädig; Bettelfrauen jammern,
die schnell verwandelt höhnisch mich umschwirren
— O Grauen, das ich jede Nacht durchschwimme.
Wer spielt mit meinem Leid? Klang einer Stimme:
Komm mit — und eine Hand zieht mich ins Tor,
um das die Nacht wirft dunklen Trauerflor:
— — — — — — — — — — —
Und irgendwo singt es vergessene Lieder.
Im Dunkeln weine ich besinnungslos:
Wie kamst du spät. Ich fühle deinen Mund
— Geliebte! Heiland, mach mich nun gesund
Und die betrogenen entsetzten Glieder
erwachen, wissen und vergessen alles.
Höre nie meinen Schrei —

Wach. Die schönen leidseligen Schwestern kommen.
Aus ihren Gewändern wollen uns Blumen sprießen.
Wir möchten immer blicken nach euch Frommen.
Doch wir müssen vor Scham die Augen schließen.
Ihr kennt ja unsere schmerzvollen Phantasieen.
Ihr seid lieb — ihr habt uns selig verziehen,
ihr Mütter, ihr Schwestern, ihre liebebereiten
Fremdlinge auf der Insel der Entweihten.

[Die Aktion, 3. Jg. (1913), Heft 10 (5. März 1913), S. 303]

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