Tom Mann
Tom Mann an den „März“

Der März hat einige hervorragende englische, französische und deutsche Politiker gefragt, was sie von dem Wahnsinn eines europäischen Krieges, der uns zu drohen scheint, halten, und welche Mittel ihnen ratsam erscheinen, dagegen anzukämpfen. Die Äußerungen des englische Arbeiterführers Tom Mann, der in allen gewerkschaftlichen und politischen Kämpfen seines Landes eine sehr wichtige Rolle spielte, geben wir im Folgenden wieder.

In seiner vor wenigen Tagen bei Dietz in Stuttgart erschienenen „Geschichte des englischen Sozialismus in England“ nennt M. Beer Tom Mann „einen Arbeiterführer mit einem Herzen treu wie Gold und einem Kopfe unruhig wie Quecksilber“. Er gibt auch einige biographische Notizen über ihn: geboren 1856, Mechaniker von Beruf, war Malthusianer, dann Anhänger von Henry George. 1885: Mitglied der S. D. F (Sozialdemokratischen Föderation), die er vier Jahre später verläßt. 1889 organisiert er den Dockerstreik. 1902-1910 in Australien. Kommt als Marxist nach London zurück. Nimmt Februar 1911 eine parlamentarische Kandidatur an. Drei Monate später: antiparlamentarischer Syndikalist und Antimilitarist.

Beech Range, Levenshulme, Manchester

Erlauben sie mir, einige Bemerkungen zu der vielbesprochenen Frage, der Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen England und Deutschland auszusprechen.

Es ist wahr, daß jene Zeitungen und Redner, die sich bemühen, Gründe zu finden, weshalb der Krieg bald erklärt werden müsse, imstande sind, auf Zeichen Kriegsfieber bei vielen unserer Landsleute hinzuweisen. Es ist aber auch wahr, daß sehr viele der Besten aus allen Kreisen entschieden gegen den Krieg sind und erklären, daß unser Land unter keinen Umständen in irgend einer Weise aggressiv werden würde.

Ich kann im Namen vieler Arbeiter sprechen und kann versichern, daß sie kein anti-deutsches Gefühl kennen und auch nicht daran glauben, daß auf Seite der deutschen Arbeiter ein allgemeiner Wunsch besteht, den Krieg ausbrechen zu sehen.

Es ist unser sehnlichster Wunsch, friedliche Beziehungen zu unseren Genossen in Deutschland, Frankreich und überall zu haben. Eine große Anzahl unter uns ist antimilitaristisch in der Erkenntnis, daß alle Regierungen nur im Interesse der herrschenden Klassen da sind und sicherlich nicht im Interesse der arbeitenden Klasse.

Wir fühlen und erklären, daß wir keinen Grund zu Unfrieden mit Genossen in Deutschland oder wo immer haben, aber wir haben viel Grund zu Streit mit den Kapitalisten unseres Landes.

Wir organisieren uns industriell, um bessere ökonomische Bedingungen sowohl, wie eine namhafte Verringerung der Arbeitsstunden und höhere Löhne zu erlangen und um schließlich Kontrolleure der Industrie zu werden.

Eine wachsende Zahl unter uns weigert sich, ins Parlament zu gehen, oder Kandidaten fürs Parlament ihre Stimme zu geben. Wir ziehen die Methode, auf industriellem Gebiet direkt zu handeln, vor, und es ist für uns von größter Wichtigkeit, die Armut zu bekämpfen.

Die Industrie ist sehr beschäftigt, aber trotzdem gibt es sehr viel Armut. Und sie aus der Welt zu schaffen, ist die Hauptaufgabe unseres Lebens.

Ich sende unsern Brüdern in Deutschland Grüße und die Versicherung unseres internationalen guten Willens ohne Hintergedanken und wünsche Deutschland eben soviel Erfolg, wie wir ihn für England erstreben.

Mit größter Achtung
Tom Mann

[März, 7. Jg. (1913), Heft 12 (22. März 1913), S. 415-416]

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