Ulrich Rauscher
Unsere Prinzeß und unsere Press’

Das deutsche Volk hat ein tiefbedauerliches Ereignis in diesen letzten Tagen hinter sich gebracht: die Tochter Wilhelms II. hat sich verlobt und die Zeitungen haben Kommentare dazu geschrieben. Da diese letztere Tätigkeit vorauszusehen war, muß die Neigung der jungen Herzen wirklich unüberwindlich gewesen sein, denn heute ist das hohe, im doppelten Liebreiz der fürstlichen Geburt und des Liebesfrühlings strahlende Paar das dankbarste Objekt für die Daktyloskopie, auf dem ein literarischer Kriminalist die Abdrücke aller journalistischen Verbrecher nachweisen kann. Das bordeaux-rote Reisekleid, sowie die beim Karlsruher Ständchen getragene weiße Bluse (mit blauem Tuchrock und dunkelrotem Hut) der Prinzessin, die schneidige Schwere Reiteruniform des Prinzen, ihr freundliches, gewinnendes Wesen, seine biegsame Offiziersgestalt, ihr kleines Naschmäulchen, seine ernst-anmutige Erscheinung: alles ist übersät mit den schmierigen Daumenabdrücken, durch die unsere Schmocks dem Paar, das mit leuchtenden Augen in eine sonnige Zukunft schaut, den Besitztempel der Öffentlichkeit aufgepappt haben. Für Leute, die in disen Tagen vorsichtshalber keine Berliner Zeitung gelesen haben, seien hier die markantesten Bemerkungen zusammengetragen. Man wird dann verstehen, warum man sich auch in fürstlichen Kreisen immer mehr auf die unbedingt notwendig gewordenen Verlobungen beschränkt.

Daß „unsere Prinzeß“ sich die Herzen der Bevölkerung im Fluge und beim Spazieren im Tiergarten erworben hat, versteht sich von selbst „Wen sie im Gespräch mit ihren blauen Augen anblickt, dem geht bei soviel Jugend und Frohsinn das Herz auf.“ Und das Maul über, besonders wenn es eine Persönlichkeit ist, „die in beruflichen und gesellschaftlichen Beziehungen zum deutschen Kaiserhause steht“. Da steigen selbst kaiserliche Lakaien zum Schornalismus herunter und verraten die herzigsten Geheimnisse: „Ihre größte Freude ist es, das Hausmütterchen zu spielen, morgens am Frühstückstisch des Vaters zu erscheinen, die Zubereitung des Kaffees zu überwachen und ihm höchst eigenhändig und gut bürgerlich die Knüppel zu streichen.“ Der Kaiser weiß aber auch, was er an dem „sonnigen Liebling“ hat. Denn — „Prinzeßchen schlemmt gern!“ — überall steckt er sich die Taschen mit Konfekt voll und „motiviert dabei auch seine Gründe in neckischer Art, die belustigende Streiflichter auf kleine Schwächen der Prinzessin werfen“. So hat er einmal eine Bonbonnière herausgeschossen und dann in seiner geraden, offenen Weise erklärt: „Die will ich meiner Tochter mitnehmen. Viktoria Louise ist ein kleiner Schlemmer und schätzt solche Süßigkeiten ganz bedeutend. Wie wird sie sich freuen …!“

All diese entzückenden Züge wurden dem deutschen Volk bis zur Verlobung vorenthalten!

Aber jetzt ist kein Halten mehr! „So ist es denn wahr geworden, was so lange die Herzen aller bewegt hatte: unseres Kaiserpaares jugendfrische Tochter, die einzige Mädchenknospe unter den sechs stattlichen Brüdern, ist Braut geworden.“ Alles war bis ins kleinste vorbereitet. „Die Kaiserin hatte dunkeln lila Kostümrock und dazu fleischfarbige, seidene Bluse und Hut mit lila Feder angelegt.“ Der Karlsruher Gesangsverein „Liederhalle“ brachte ein Ständchen und „den Refrain des Tanzliedes ‚Die Spinnerin‛ begleitete der Monarch mit leichtem, taktmäßigem Neigen des Hauptes“. Nicht genug damit: „Auf Wunsch der Kaiserin und des Brautpaares wurde das Tanzliedchen noch einmal wiederholt. Bei der dritten Strophe dieses Liedes, in der es heißt:

Es denkt die Fäden geben mir mein Hochzeitslein’, und dreh’ ich rasch die Spindel, wird bald die Hochzeit sein, nickte sich das Brautpaar, das die ganze Zeit über Arm in Arm dastand herzlich zu. Die Prinzessin trug blauen Tuchrock …“

Und unser M.-Korrespondent die Verantwortung, wenn fernerhin seine Kollegen Fußtritte und Informationen in schöner Abwechslung bekommen. Ich kann mir ihn sehr genau vorstellen. Er hat am Abend vorher im Presseverein eine Rede gehalten, in der er unter Hinweis auf die xte Großmacht, das Sprachrohr der öffentlichen Meinung und die Standesehre beantragte, gegen unsaubere Elemente in den Reihen der Pioniere des Nachrichtendienstes unerbittlich vorzugehen. Jetzt steht er als Erster hinter dem absperrenden Schutzmann vor dem Schloß, fährt hastig hin und her, packt ein Mitglied des Gesangvereins „Liederhalle“ am Gehrockärmel und erbittet sich den Refrain der dritten Strophe des Tanzliedchens: „Wie Hochzeitsleim? Na, erlauben Sie! Aha, Leine, Weißzeug, Aussteuer!“ Tauscht mit einem Berliner Kollegen ein Lächeln des jungen Paares gegen den elastischen Schritt des Prinzen Adalbert aus, überschlägt flüchtig die mutmaßliche Zeilenzahl und rundet sie durch die große Generalsuniform und die Zigarette des Kaisers nach oben ab, sagt zu einem Freund: „Wie lang wird denn das Geheule noch dauern?“ und schreibt: „Dieses markige Lied gefiel dem Kaiser besonders, denn er nickte den Sänger während des Gesanges wiederholt zu.“

Aber auch die Kollegen in Berlin sind nicht faul. Die „Norddeutsche“ gibt den Tip: „So haben denn die hohen Eltern der liebreizenden Tochter den Herzenswunsch erfüllt.“ Der Chef sagt: „Na, Sie wissen ja, dreimal haben die Welfen nicht gewollt. Also schreiben Sie: der Hauptsache nach Liebesheirat!“ Und der Sklave schreibt: „Und so ist es denn gewiß, daß unsre Prinzessin sich den künftigen Ehegemahl nach der Neigung ihres Herzens erwählte, mögen auch, wie es durch die Verhältnisse bedingt ist, Interessen anderer Natur mitgespielt haben. Ist doch einst ein Kaiserwort bekannt geworden, in dem unser Monarch in seiner dezidierten Art äußerte: ‚Die Kleine soll glücklich werden, sie soll nicht der Politik geopfert werden.‛ Ein Kaiserwort, das sich aufs glücklichste den andern von Schirmherrn des Islams, von der Ohm Krügerbewillkommnung, vom Admiral des Atlantischen Ozeans usw. anschließt.“ Der Sklave fühlt, er müsse noch etwas Übriges tun und schäfert zart: „Wo immer und bei welcher Gelegenheit sich die jungen Herzen gefunden haben mögen — das ist ihr eigenes Geheimnis.“ Sie werden’s für sich behalten. Sie werden’s dem brauchbaren Sklaven kaum verraten, was alle Welt weiß: daß dies auch für sie noch ein Geheimnis ist. Sie haben sich bei der dritten Strophe usw. herzlich zugenickt, das muß ihm genügen. Daß unser M.-Korrespondent die Anwesenheit weder der Mutter, noch des Vaters melden konnte, deren einziger Sohn sich da in Karlsruhe verlobte, trübt den Festartikel nicht. Daß die Verlobung in einer Form stattgefunden hat, die, in den Romanen ebendieser Blätter, den Bräutigam stets zu den Worten veranlaßt: „Und wenn mein adelsstolzer Vater erst sieht, daß du, Geliebte, durch gaben des Herzens und des Geistes alles ersetzest, wird er nachgeben und dich als Tochter anerkennen“; daß zwar „das Elternpaar den künftigen Schwiegersohn als würdig erachtet hat, als Mitglied des Hauses Hohenzollern aufgenommen zu werden“, von dem andern Elternpaar und der Schwiegertochter vorerst nichts verlautet — all das stört den Jubel nicht: „Es ist dem ganzen Volk heute ein wirkliches Herzensbedürfnis, dem jugendfrohen Brautpaare seine Glückwünsche darzubringen.“

Und etwa nicht? Erlauben Sie! Hören und staunen Sie: „Wer es verlangt, kann von der Prinzessin ein selbstgekochtes schmackhaftes Mittagessen erhalten, wobei sie den Beweis nicht schuldig bleibt, daß sie am Küchenherd die sogenannte ‚leichte Hand‛ besitzt.“

Was hilft es einem, die sogenannte „leichte Hand“ zu besitzen, wenn die ganze Sippschaft nicht einen Hintern hat, über dem man ihr die Lakaienhosen spannen kann.

[März, 7. Jg. (1913), Heft 9 (1. März 1913), S. 337-339]

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